Serie: mein 11. September
„Unterwegs nach Hause lief schon mein Handy heiß“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Wirtschaftsforscher Horn sollte Journalisten Auskunft über die konjunkturellen Auswirkungen geben. Er lehnte jede Stellungnahme ab.
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Wer wüsste nicht, wo er sich am 11. September 2001 befand? Ich saß am Schreibtisch meines Büros im DIW in Berlin. Damals leitete ich dort die Abteilung Konjunktur und war in dieser Funktion auch für Prognosen zuständig. Die Arbeit an jenem Tag war, da mir jede detaillierte Erinnerung fehlt, wohl von Routine gekennzeichnet. Wahrscheinlich bereitete ich in aller Ruhe das nächste Treffen zur Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute vor und machte mir Gedanken über die zu jener Zeit schwache Konjunktur.

In manchen Ländern herrschte bereits eine ausgeprägte Rezession. Es galt also Vorschläge zur Stimulanz zu entwickeln, was aber angesichts der seinerzeit betonharten Abneigung der übrigen Institute im Hinblick auf eine aktive Konjunkturpolitik nicht einfach war.

Da ich die Nachrichtenlage im Internet relativ kontinuierlich verfolge, las ich mit Erstaunen die Meldung von einem Flugzeugunglück in New York, bei dem eine Maschine ins World Trade Center geflogen sei. Ich dachte zunächst an eine kleine Propellermaschine mit einem unfähigen Amateurpiloten oder an ein Krankheitsbedingtes Ausfallen desselben.

Zu meinem schnell entflammenden Entsetzen stellte sich heraus, dass es sich um ein ausgewachsenes Passagierflugzeug handelte. Besorgt versuchte ich zusammen mit meiner Sekretärin die möglichen Hintergründe zu erahnen. Die Befürchtung eines Anschlags keimte in uns auf und wurde durch den Absturz der zweiten Maschine zur uns sprachlos machenden Gewissheit.

Die damalige Pressesprecherin des DIW mailte, dass im Konferenzraum ab sofort der Fernseher laufe und man sich dort versammeln könne. Ich ging hin und verfolgte zusammen mit vielen Kollegen des DIW den weiteren Gang der Ereignisse. Im Saal herrschte Schweigen. Eine merkwürdige Schwere lag über allen. Jeder ahnte wohl, dass nun eine neue Zeitrechnung beginnen würde, und zwar keine gute. Gegen Abend fuhr ich bedrückt nach Hause.

Schon unterwegs lief mein Handy heiß. Journalisten wollten Auskunft über die konjunkturellen Auswirkungen haben. Ich lehnte jede Stellungnahme ab.

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Kommentare zu " Serie: mein 11. September: „Unterwegs nach Hause lief schon mein Handy heiß“"

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  • hmmm, wie war das?

    ein großes Flugzeug fliegt 30 min. durch eines der am stärketen genutzten Lufträume der Welt.
    - verläßt den vorgegebenen Kurs
    - reagiert nicht mehr auf "Ansprache"

    und keiner kümmert sich darum.
    kein Abfangjäger
    kein Fluglotse, der Alarm schlägt


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