Serie: Risikonomics
Völker in Bewegung

Kriege, Armut und Wüsten setzen die Menschheit in Bewegung - der Ruf nach einer gesteuerten Migration wird lauter. Wolfgang Schäuble ist eine Art Schleusenwärter, der den großen Strom der Wanderung ins erhoffte Ziel Deutschland beschleunigen oder verlangsamen kann.

BERLIN. In Togo verabschiedet sich ein namenloser Mann an einem Sonntagmorgen von seiner Familie und macht sich auf den Weg nach Norden. Tausende von Kilometern ist er unterwegs, mit Bussen, zu Fuß, über Wochen. Dann steht er eines Tages in Marokko an der Küste und schaut über die Straße von Gibraltar. Drüben kann er am Horizont die spanische Küste sehen, wo die EU mit einem vermeintlich besseren Leben lockt. Um bis hierher zu kommen, hat der Namenlose viel Geld bezahlt, oft handelt es sich um die Ersparnisse der Familie, die auf eine "Migrations-Dividende" und Überweisungen hofft.

Der Fall ist fiktiv und doch sehr real. Er spielt sich täglich tausendfach ab, nicht nur in Afrika. Geschätzte 300 000 Mexikaner kommen jährlich in die USA - neben denen, die beim Grenzübertritt scheitern. In und aus Asien gibt es riesige Verschiebungen von Teilen der Bevölkerung, auch von hier strömen viele nach Europa oder in die USA. Die Erde ist in Bewegung. Und wenn man den Uno-Organisationen glauben darf, ist das erst der Anfang.

Wer aus dem Fenster des Büros von Wolfgang Schäuble schaut, der sieht diese Probleme nicht. Die Welt wirkt von hier schön geordnet. Berlin liegt dem Betrachter zu Füßen, die Spree schlängelt sich ruhig am Innenministerium vorbei. Doch das Thema Migration ist auch in diesem Büro präsent, nur in anderer Form, verdichtet vom Einzelfall zu einer Aktenvorlage, verpackt in alle möglichen abstrakten Schlagworte. "Etwa 25 Prozent meiner Arbeitzeit als Innenminister beschäftige ich mich mit Migrationsfragen im weitesten Sinne", sinniert Schäuble. Wann immer er mit den Länderinnenministern, noch mehr aber seinen EU-Kollegen redet, kreisen die Gespräche fast zwangsläufig um das Thema.

Denn die weltweite Wanderung verwandelt ihr Gesicht, wenn sie Deutschland erreicht. Bis zur Grenze hat der Migrant einen oft dramatischen Überlebenskampf hinter sich. Hat er es in eines der Flüchtlingslager geschafft, wird er zum administrativen, politischen, manchmal auch zum kriminaltechnischen Problem.

Wolfgang Schäuble ist deshalb ein wichtiger Mann für die Namenlosen. Denn der deutsche Innenminister entscheidet mit, wie groß die Chance ist, in die EU zu gelangen und bleiben zu dürfen. Er ist eine Art Schleusenwärter, der den großen Strom der Wanderung ins erhoffte Reiseziel Deutschland beschleunigen oder verlangsamen kann, Tore öffnet oder schließt.

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