Serie: Wege aus der Euro-Krise
"Kein Kauf von Staatsanleihen"

Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, warnt vor dem riesige Geldfluss in die Peripherieländer. Der Hahn für neue Kredite müsse zugedreht werden.
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Es gibt keine einfache Lösung für die Euro-Krise. Vielmehr ist Durchwursteln angesagt. Die peripheren Länder sind zu teuer. Billiger werden sie aber nur, wenn der öffentliche Geldfluss allmählich versiegt.

Durch günstigen Kredit für private und öffentliche Zwecke war unter dem Euro in der Euro-Peripherie eine inflationäre Blase entstanden, die die Wettbewerbsfähigkeit vieler Länder unterminiert hat. Heute stecken diese Länder mit ihren überhöhten Preisen für Immobilien, Staatspapiere, Güter und menschliche Arbeit fest und finden keine privaten Anleger mehr, die die daraus resultierenden Leistungsbilanzdefizite finanzieren wollen.

Vier Jahre lang hat die Bundesbank stillschweigend mit Target-Krediten von 350 Milliarden Euro ausgeholfen, aber sie kann bald nicht mehr. Deshalb hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Politik bedrängt, die Finanzierung mit offenen Hilfskrediten der Staatengemeinschaft, faktisch wiederum vor allem Deutschlands, fortzuführen. Diese Kredite stützen die falschen Preise, perpetuieren die Leistungsbilanzdefizite und schaffen auf den Kapitalmärkten ein permanentes Abwärtsrisiko, das immer wieder von Neuem für Unruhe sorgt, wenn Zweifel an der Tiefe der deutschen Taschen aufkommen.

Der riesige öffentliche Kreditfluss setzt Deutschland atemberaubenden Haftungsrisiken aus, aber er bewirkt gar nichts, außer dass er die Auslandsschulden der betroffenen Länder immer weiter anwachsen lässt.

Von Krise zu Krise wird dem deutschen Portemonnaie mehr und mehr Geld entnommen, bis es leer ist und der Euro zerbricht. Solange der deutsche Kredit fließt, können die Leistungsbilanzdefizite weiter finanziert werden, doch wenn er nicht mehr fließt, werden viele Defizitländer austreten, um ihr Heil in der offenen Abwertung zu suchen. Um zu verhindern, dass entweder Deutschland insolvent wird oder der Euro kaputtgeht, muss man nun, im vierten Jahr der öffentlichen Finanzierung der Krisenländer, allmählich, aber mit fester Hand damit beginnen, den Hahn für neue Kredite zuzudrehen.

Nur so kann die notwendige reale Abwertung im Euro-Raum, also die Kürzung der Löhne, Güterpreise und Assetpreise relativ zu den anderen Euro-Ländern, eingeleitet werden. Für Griechenland wird die Belastung angesichts des riesigen Abstandes zwischen tatsächlichen und gleichgewichtigen Preisen zu groß sein. Es wird sein Heil vermutlich außerhalb des Euro-Raums suchen. Aber die anderen Länder könnten es schaffen, wieder wettbewerbsfähig zu werden, wenn der politische Wille der Bevölkerung zu schmerzlichen Kuren vorhanden ist. Sicher ist das nicht, insbesondere nicht für Portugal.

Irland hat aber mit seinem radikalen Deflationskurs gezeigt, dass man durch eine reale Abwertung gesunden und sein Leistungsbilanzdefizit beseitigen kann. Daraus sollten die anderen Länder lernen. Nach der Phase der lockeren Budgetbeschränkungen kann der Euro-Raum nur durch härtere Budgetbeschränkungen gesunden, die eine reale Abwertung erzwingen.

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"Kein weiterer Rückkauf von Staatsschulden mehr"

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  • @Popper
    Sie vergreifen sich im Ton. Und ausserdem: "... seit vier Jahren Kredite ..." Leider ist das so, obwohl Target nie als Kreditfazilität gedacht war. Ein ordentlicher Kaufmann nennt das simpel unbezahlte Rechnungen.

    Und falls Sie nach GR reisen sollten, werden Sie schnell merken, dass Ihr Euro dort weniger wert ist als zuhause, während die Léhne weit geringer sind. Genau dieses Gefälle gilt es zu beseitigen.

    Gute Besserung.

  • Man muss nicht einmal Volkswirt sein um der kristallklaren, einfachen Argumentation von Sinn zu folgen. Sinn unterbreitet in seinem Artikel detalliert und konkret 10 Vorschlaege, von denen ich sicher bin, dass sie eine Loesung der Krise bewirken. Nur in einem Punkt habe ich eine abweichende Meinung: ein Austritt Griechenlands aus dem Euro ist nicht notwendig. Wenn das Land seine Preise in Euro auf wettbewerbsfaehiges Niveua senkt, entgeht es zukuenftigen Abwertungs- und Inflationsspiralen und wird langfristig gesunden. Ich wuensche mir sehr, dass sich Sinn mehr Gehoer verschaffen kann.

  • Herr Sinn besitzt die Frechheit zu behaupten, die Länder mit Leistungsdefiziten bekämen seit 4 Jahren Kredite, um mit diesen weiterhin ihre Leistungsdefizite zu finanzieren. Das ist eine totale Verkehrung der Tatsachen. Die Kredite fließen nicht in den Konsum, sondern als Zinsen an die europäischen Banken. Herr Sinn vertritt des Weiteren die Auffassung, Wettbewerbsfähigkeit würde für Defizitländer nur möglich, wenn sich alle auf niedrigem Lohnniveau und schmerzlichen Kuren mit Deutschland gleichziehen. Man muss sich tatsächlich fragen, was der Mann an wirtschaftswissenschaftlicher Kompetenz im Kopf hat. Makroökonomisch ist es völlig gaga, wenn man verlangt, alle müssten wettbewerbsfähig auf gleichem Niveau sein, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Wer kauft dann die Waren on wem. Logisch wäre dann, wenn jedes Land auf dem Binnenmarkt seine Waren verkaufen kann. Aber, wie soll das gehen, wenn die Löhne nicht steigen, sondern gesunken sind. Herr Sinn ist nichts als ein Ideenverramscher, deren Wissenschaftlichkeit total infrage steht. Herr Sinn gelingt es seit langem nicht mehr, komplexe Zusammenhänge zu bewerten. Er glaubt immer noch, dass kosteneinsparung für Staaten in den Himmel führt. Das Gegenteil ist der Fall, wie gerade die letzten 20 Jahre neoliberaler Wunschpunschträume gezeigt haben. Die Wissenschaftlichen Gehversuche ala Sinn sind nicht mehr zeitgemäß und unzureichend. Geistige Unbeweglichkeit und wissenschaftlicher Mainstream sind ihr Markenzeichen. Der Mann verdient nicht das Geld, das ihm monatlich als Professorengehalt vom Steuerzahler finanziert wird.

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