Serie zum Georgien-Konflikt: Teil 2
Die Russen ziehen ab

Auf dem Serpentinen-Weg zur russischen Grenzen reihen sich die Kompanien hintereinander. Panzer, schwere Artillerie, sie warten in der Sonne auf der schmalen Bergstraße, die Soldaten dösen auf ihren Fahrzeugen, bis es weitergeht. Dennoch gleicht Südossetien noch einem riesigen Heerlager.

Jede Brücke, jede Anhöhe ist gut gesichert, es sieht nicht so aus, als ob die russische Armee in großer Eile ist. Muss sie auch nicht, denn das unabhängige Südossetien wird mit Russland sicherlich einen Schutz- und Beistandspakt schließen - und einen großen Stützpunkt für die Soldaten des Kreml bauen.

Auf dem Weg in die Hauptstadt Zchinwali geht es durch die zerstörten georgischen Dörfer. Viele Häuser sind ausgebrannt, aber auch mit Hilfe schweren Geräts eingerissen worden. Ein gespenstische und bedrückender Anblick, der sich über Kilometer hinzieht. Georgien hatte - so berichten Beobachter von Amnesty International - eine Parallel-Verwaltung organisiert. Als ein Rest dieser Präsenz glänzt noch die Ruine der Bank of Georgia, die in einem schmucken kleinen Neubau untergebracht war. In den georgischen Dörfern finden sich auch Reste eines Klein- und Mittelunternehmertums: Hier eine Elektrokaufhaus, dort ein neues Kino. In Zchinwali auf den ersten Blick davon keine Spur.

Der Bürgermeister Robert Guliew, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Privatisierungen macht, räumt ein, dass es mit dem Kleinunternehmertum auch noch nicht so weit her ist. In seinem Büro geht das Licht an und aus. Er hat nicht viel mehr zum Anziehen, als das, was er auf dem Leib trägt, denn sein Haus ist auch in Flammen aufgegangen. Er ist ein ernster Mann, gelernter Polizist. Unterschreibt während des Gesprächs ständig handschriftlich verfasste Schadensmeldungen an Häusern. Er sagt, 80 Prozent hätten Schäden davongetragen - was trotz aller erkennbaren Zerstörung ein wenig hoch gegriffen scheint. Guliew ist sich aber sicher: 2011 ist der Wiederaufbau abgeschlossen, dann legen sie noch ein paar schöne Parks an und profitieren auch von den vielen, vielen Touristen, die dann 2014 für die olympischen Spiele nach Sotschi kommen. Alles wird gut. Der Bürgermeister würde die zerstörten georgischen Siedlungen gerne eingemeinden - um dort einen Flughafen zu bauen. Auf der Pressekonferenz beziffert er den finanziellen Aufwand, nur um die Stadt winterfest zu machen, auf 10 Mrd. Rubel. Der Staatshaushalt des Landes betrug vor dem Krieg gerade einmal drei Mrd. Rubel - die Rentenzahlungen aus Moskau schon eingerechnet.

Im Büro des Ministerpräsidenten, 7. Stock des zerschossenen Regierungshauses, herrscht Hochbetrieb. Ein Vertreter einer tschetschenischen Baufirma will einen Vertrag unterschreiben, Offizielle des russischen technischen Hilfswerks, der Armee kommen und gehen. Der Präsident hat die Regierung eigentlich entlassen, weil sie nicht fähig genug sei. Aber wann er eine neue einsetzt, wissen die Minister nicht und machen daher erstmal weiter. Auch der Außenminister, ein kleiner schmaler Mann in fortgeschrittenen Alter - und Spezialist für die Geschichte der kaukasischen Völker. Er ist sich sicher, dass noch andere Staaten mit der Anerkennung folgen werden. Die kritische Haltung des Westens kann er überhaupt nicht verstehen. Wer hat denn mit dem Krieg angefangen? Wiedervereinigung? Jaaa, aber eigentlich sei das kein Thema. Auf jedem Fall nicht heute und dann muss man mal sehen, wie es läuft.

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