Sextourismus
Frankreich: Missbrauchsvorwurf gegen Minister

Ein freizügiges Buch über seinen Sextourismus nach Thailand bringt den französischen Kulturminister Frédéric Mitterrand massiv unter Rücktrittsdruck. Dabei wird ihm auch Sexualverkehr mit Minderjährigen unterstellt.
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HB PARIS. Der sozialistische Abgeordnete Arnaud Montebourg rief Präsident Nicolas Sarkozy am Donnerstag auf, Mitterrand zu entlassen. Der Élyséepalast stellte sich dagegen hinter den Minister und sprach von unwürdiger Polemik. Die Gewerkschaft der Polizei France Police forderte staatsanwaltliche Ermittlungen.

Anlass ist das Buch „La mauvaise vie“ (Das schlechte Leben), in dem der Neffe des früheren Präsidenten François Mitterrand 2005 in Ich-Form Besuche von Homosexuellen-Bordellen in Thailand beschrieben hatte. Darin schreibt Mitterrand: „All diese Rituale des Marktes für schöne Jünglinge, des Sklavenmarktes, erregen mich gewaltig. Die verschwenderische Fülle sofort verfügbarer Jungen versetzt mich in einen Zustand der Begierde, den ich nicht mehr bremsen oder verbergen muss.“ Er fährt fort: „Geld und Sex, ich bin im Herzen meines Systems. (...) Die westliche Moral, die ewige Schuld, die Schmach, die ich mit mir herumschleppe, fliegen in Stücke.“

Jetzt geht die Debatte darum, ob Mitterrand mit Jugendlichen käuflichen Sex hatte. Dabei wird unterstellt, das Buch sei autobiografisch. „Das ist ein schreckliches Buch“, erklärte der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit. „Aber das ist eine öffentliche Therapie. Das ist mutig von Mitterrand.“ Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë sprach von einer „Erzählung der Verzweiflung“. Das Buch entschuldige den Sextourismus nicht, sondern beschreibe ihn als Sackgasse. „Das ist seine Geschichte und sie ist erschütternd.“ Die Grünen-Chefin Cécile Duflot warnte davor, Pädophilie mit Homosexualität in einen Topf zu werfen.

Mitterrand habe „vorsätzlich unter Verletzung der nationalen und internationalen Gesetze gehandelt“, erklärt dagegen Montebourg. Das Gesetz müsse für alle gelten. „Außerdem ist es unmöglich, dass ein Minister, der Frankreich vertritt, die Verletzung der internationalen Engagements zum Kampf gegen den Sex-Tourismus ermutigen kann. Seine Ablösung ist daher zwingend.“ Der Parteisprecher des Sozialisten, Benoît Hamon, erklärte: „Während Frankreich mit Thailand den Kampf gegen das Übel des Sextourismus angeht, haben wir einen Minister, der erklärt, dass er selbst Kunde ist.“

Sarkozys Sonderberater Henri Guaino verteidigte Mitterrand. „Wurde er vor Gericht gestellt? Es gibt keine Fakten“, sagte Guaino. „Die politische Debatte nimmt manchmal pathetische Allüren an. All das ist voller Exzesse und reichlich unwürdig.“ Er sehe nicht, warum man Jahre nach der Buchveröffentlichung „so radikale Konsequenzen“ wie eine Entlassung ziehen sollte. Innenminister Brice Hortefeux warnte vor „vorschnellen Urteilen. Mitterrand sei als kompetenter Kulturminister „von allen anerkannt“.

Doch in der Regierung macht sich Unruhe breit. Arbeitsminister Xavier Darcos erklärte, Mitterrand müsse „anders als nur mit Empörung“ auf die Vorwürfe antworten. „Man wirft ihm moralisch persönliches Verhalten vor. Er muss darauf antworten.“

Die rechtsradikale Nationale Front (FN) hatte die Jagd auf Mitterrand eröffnet, nachdem der Minister den Regisseur Roman Polanski in Schutz genommen hatte. Polanski wurde in der Schweiz festgenommen, weil er in den USA wegen Sex mit einer 13-Jährigen vor mehr als drei Jahrzehnten gesucht wird. Mitterrand erklärte, die US- Justiz habe Polanski eine Falle gestellt, und sprach von einem „Amerika, das Angst macht“. FN-Vizechefin Marine Le Pen las daraufhin am Montag in einer TV-Diskussion Passagen aus Mitterrands Buch vor. „Was kann man den Sexualstraftätern sagen, solange Frédéric Mitterrand noch Kulturminister ist?“, fragte Le Pen. Die Regierung plant gerade ein Gesetz zur „chemischen Kastration“ von Sexualstraftätern.

Mitterrand sprach von einer Schmutzkampagne. „Von der Nationalen Front in den Schlamm gezogen zu werden, ist eine Ehre“, sagte der Kulturminister. „Wenn ein linker Abgeordneter mich in den Schlamm zieht, ist das eine Schande für ihn.“ France Police erklärte dagegen, auf Sex mit minderjährigen Prostituierten stünden bis zu drei Jahre Haft. „Als Polizeigewerkschaft halten wir es für unsere Pflicht, die Gesellschaft vor Sexjägern zu schützen, auch wenn es sich um Minister handelt.“ Mitterrands „Geständnis in seinem Buch reicht vollkommen, um Vorermittlungen zu diesem schwerwiegenden Tatbestand aufzunehmen“.

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