Shang-Jin Wei: „Amerika braucht ein Feindbild“

Shang-Jin Wei
„Amerika braucht ein Feindbild“

Er ist auf beiden Seiten zu Hause: Shang-Jin Wei lehrt an der Columbia-Universität in New York und war Chef der IWF-Handelsabteilung. Im Handelsblatt-Interview spricht Wei über Angst vor einem aufstrebenden Markt und die Notwendigkeit eines Sündenbockes.
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Handelsblatt: Kritik an China ist populär. Suchen die Amerikaner angesichts von Rekorddefizit und Arbeitslosigkeit einen Sündenbock?

Wei Shang-Jin: Es gibt eine große Frustration bei den Amerikanern. Weißes Haus und Finanzministerium hatten gehofft, dass sich da mehr auf der Seite der Chinesen bewegt. Aber die Wechselkurspolitik spielt keine so große Rolle, wie das dargestellt wird. Selbst wenn Peking den Renminbi freigäbe, würde das am Problem der Amerikaner nicht viel ändern.

Weshalb?

Weil die USA ein Defizit nicht nur mit China haben, sondern mit vielen Ländern. Überschätzt werden auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Nur wenige der ärmeren Amerikaner sind in der Exportindustrie beschäftigt. Überhaupt geht weniger als zehn Prozent dessen, was in den USA produziert wird, in den Export.

Fred Bergsten, Chef des Peterson-Instituts in Washington, sagte im Kongress, eine Aufwertung des Renminbi würde den USA im Handel Vorteile von bis zu 120 Mrd. Dollar und 500 000 Jobs bescheren.

Ich glaube, dass die Annahme schlichtweg nicht zutrifft. Bergsten setzt viel zu viele Hoffnungen darauf, dass eine Aufwertung in China der US-Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt hilft. Einige Stimmen der Vernunft gibt es zwar in den USA, die das anders sehen, doch sie sind nur selten zu hören.

Warum reagieren die USA so nervös?

Das hat etwas mit Psychologie zu tun, von Fakten ist das nicht gedeckt. Es ist richtig, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt jetzt größer ist als das Japans. Aber es umfasst immer noch weniger als die Hälfte des US-BIP.

China also als psychologisches Phänomen?

In bestimmten Kreisen in den USA gibt es eine psychologische Notwendigkeit, einen Feind zu haben. China ist ganz offensichtlich ein Kandidat für diese Rolle.

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