Shinzo Abe zu Gast in Berlin
Der rätselhafte Reformer

Japan will den Teufelskreis aus Deflation und sinkenden Investitionen mit einer historischen Geldflut brechen. Abenomics heißt diese Politik. Ihr Architekt trifft heute Kanzlerin Merkel. Wer ist dieser Shinzo Abe?
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Tokio/BerlinErst Südkoreas Präsidentin Park Geun-Hye, dann Chinas Staatschef Xi Jinping und heute nun Japans Ministerpräsident Shinzo Abe – Ostasiens Oberhäupter geben sich in Berlin derzeit die Klinke in die Hand. Und mehr noch als bei den anderen zwei Besuchern stellt sich die Frage, wer ist dieser Mann wirklich ist, der sich vom politischen Versager zum beliebtesten Regierungschef Japans seit Jahren verwandelt hat?

Schon die Einschätzungen von Freunden und Feinden und seine Handlungen zeigen, dass sich Abe gängigem Schubladendenken entzieht. Westliche Anleger feiern ihn als neoliberalen Reformer. Chinas Medien verteufeln ihn als säbelrasselnden dumpfen Militaristen. Er selbst sucht die Nähe zu Japans Revoluzzern der New Economy, will – ganz moderner Mann – Frauen im Job fördern. Seine Frau nahm am Sonntag an einer Schwulen- und Lesbenparade teil. Doch gleichzeitig will Abe Japans Vergangenheit als Aggressor verklären, das Land innenpolitisch nach rechts verschieben und das Militär stärken.

Abe wurde Politik und Gesinnung in die Wiege gelegt

Die Antwort vorweg: Am besten lässt sich Abe als weltoffener liberaler illiberaler Nationalrevisionist bezeichnen. Nur eines ist er nicht wirklich: ein knallharter Militarist. Sicherheitspolitisch bezeichnet Robert Dujarric vom Japan Campus der Temple Universität Japan unter Abe vielmehr als „Schaf im Wolfspelz”. Die Schlüssel zum Verständnis von Abe liegen zum einen in seiner Abstammung, zum anderen in einer öffentlichen Demütigung wie sie kaum ein Politiker überlebt hat.

Abe wurde Politik und Gesinnung in die Wiege gelegt. Sein Großvater Nobusuke Kishi war erst Kriegsminister und wurde nach dem Krieg Ministerpräsident. Sein Projekt im Frieden: Er wollte Japan zu einem gleichberechtigten Alliierten der USA zu machen und wurde dafür von Japans Linken attackiert.

Abe schaukelte als Kind auf Großvaters Knien, während vor dem Haus die Demonstranten tobten. Sein Ziel ist daher, das Erbe zu vollenden, indem er Japan zu einer „normalen” Nation macht. Sprich, einer Nation, die ein Militär hat, das kämpfen darf, eine Verfassung, die anders als die jetzige nicht von Amerikanern, sondern selbst geschrieben wurde, ein Land, dass sich nicht für seine Geschichte entschuldigen muss.

Dass er dieses Mal so erfolgreich erscheint, hat er hingegen seinem schmählichen Scheitern in seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident zu verdanken. 2006 kürte Japans legendärer Reformpremier Junichiro Abe den damals 52-Jährigen zu seinem Nachfolger. Doch nach knapp einem Jahr floh Abe geschwächt durch miserable Umfragewerte, eine herbe Wahlniederlage und körperlich ausgelaugt durch seine schwere chronische Darmerkrankung aus dem Amt, bevor er gestürzt werden konnte.

Kommentare zu " Shinzo Abe zu Gast in Berlin: Der rätselhafte Reformer"

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  • Haben Sie ausser blöden Sprüchen (siehe Ihre Beiträge auch zu anderen Themen) noch etwas zu bieten ?
    Oder dürfte man Sie Ihren Aüßerungen zufolge einfach nur als EU-Forenstörer betrachten ?

  • dürfte man Sie Ihren eigenen Äußerungen zufolge als Obergeneralschnarcher empfinden können?

  • Man beantwortet eine Frage nicht mit einer Gegenfrage; lernt man spätestens in der Grundschule, wenn die Eltern es verschlafen haben... ;-)

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