Showdown in Brüssel
Zyperns Präsident verhandelt mit Geldgebern

Die Lage Zyperns spitzt sich zu: Die angeschlagene Laiki Bank schränkt Abhebungen auf 100 Euro ein. Währenddessen kämpft Präsident Anastasiades in Brüssel gegen die Staatspleite. Am Abend tagen die Euro-Finanzminister.
  • 73

Nikosia/BerlinDer zyprische Präsident Nikos Anastasiades hat mit den EU-Spitzen am Sonntag in Brüssel über die Rettung seines Landes vor dem Staatsbankrott verhandelt. Er traf nach Angaben von Diplomaten zunächst mit EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissionschef José Manuel Barroso zusammen. Danach habe es bei einem Arbeitsessen eine größere Runde gegeben. Am Tisch saßen auch IWF-Chefin Christine Lagarde, EZB-Präsident Mario Draghi, Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem und EU-Währungskommissar Olli Rehn.

Die Gespräche fanden vor einem Krisentreffen der Euro-Finanzminister statt, dessen Beginn für 18 Uhr geplant war. Es müsse unter enormem Zeitdruck eine Lösung für das pleitebedrohte Mittelmeerland gefunden werden, sagten EU-Diplomaten am Sonntag. Zypern wollte mit neuen Zugeständnissen eine Staatspleite in letzter Minute doch noch abwenden. Die Lage des Finanzsystems ist prekär: Ein Sprecher besätigte am Sonntag, dass die Laiki Bank (Popular Bank) Bargeldabhebungen auf 100 Euro beschränkt habe.

Aus Brüssel gab es zunächst keine Informationen über einen möglichen Durchbruch. Erst waren im Laufe des Wochenendes optimistische Töne aus Nikosia gekommen, später hieß es, die Gespräche über den zyprischen Eigenbeitrag seien in einer „heiklen Phase“. Wie Welt Online am Sonntagnachmittag unter Berufung auf das Umfeld der internationalen Geldgeber berichtete, sei der Finanzbedarf des Landes um zwei Milliarden Euro gestiegen. Bislang war von etwa 17 Milliarden Euro die Rede, von denen Zypern fast sechs Milliarden Euro aus eigener Kraft aufbringen wollte.

Es gab aber in dem besonders wichtigen Punkt einer Teil-Enteignung reicher Bank-Kunden Fortschritte im Sinne der Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF. Zyprischen TV-Berichten zufolge sei vereinbart worden, dass eine Zwangsabgabe von 20 Prozent auf Einlagen von mehr als 100.000 Euro beim größten Geldhaus des Landes, der Bank of Cyprus, erhoben werde. Bei anderen Banken solle sich die Abgabe für Vermögende auf vier Prozent belaufen.

Zypern taumelt seit Tagen Richtung Pleite. Ein erstes Rettungspaket war im Parlament ohne eine einzige Ja-Stimme durchgefallen. Es sah eine Zwangsabgabe auf alle Bank-Vermögen vor, belastete also auch Kleinsparer. Heftige Protesten der Bevölkerung waren die Folge. Nun wird nach Alternativen gesucht, um den geforderten eigenen Sanierungsbeitrag Zyperns zustande zu bringen. Aus dem überdimensionierten Bank-Sektor sollen 5,8 Milliarden Euro kommen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Hilfen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) über zehn Milliarden Euro freigegeben werden können.

Wertvolle Zeit sei verstrichen, sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn. Es gebe zwar Fortschritte, Zypern stehe aber vor schweren Zeiten. Eine optimale Lösung könne es nicht mehr geben. „Heute sind nur noch harte Entscheidungen übrig.“ Zyperns Präsident Nikos Anastasiades war am Sonntag nach Brüssel aufgebrochen. Er ist erst seit etwa einem Monat im Amt, muss nun aber den Bankrott abwenden, der dem Land spätestens im Juni droht. Es ist für Zypern die größte Krise seit dem Einmarsch türkischer Truppen 1974, der die Insel geteilt hat.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schwor die Zyprer auf harte Zeiten ein. „Zypern wird einen schweren Weg gehen - so oder so. Aber das ist nicht die Folge europäischer Sturheit, sondern eines Geschäftsmodells, das nicht mehr funktioniert“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Schäuble hat wie viele andere Politiker zuletzt kritisiert, dass die marode Bankenbranche Zyperns dringend schrumpfen müsse. Niedrige Steuern, hohe Zinsen und laxe Geldwäsche-Kontrollen hätten ihn gefährlich aufgebläht. Eine Insolvenz solle nach Möglichkeit vermieden werden, um dem Euro keinen Bärendienst zu erweisen, sagte Schäuble. An den Rahmenbedingungen für ein Hilfsprogramm ändere sich aber nichts.

Seite 1:

Zyperns Präsident verhandelt mit Geldgebern

Seite 2:

Ultimatum der Europäischen Zentralbank

Kommentare zu " Showdown in Brüssel: Zyperns Präsident verhandelt mit Geldgebern"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Rechner und kitfisto:

    M3 hat sich von 1999 bis heute im EURO- Raum übrigens verdoppelt.
    Selbst wenn Rechner Recht hätte, passt das immer noch zur o.e. Inflation.

    Deutschland bürgt nicht nur für die Summen in der EZB und im ESM. Die 800 Mrd Target2 Forderungen sind im strengen Sinn keine Bürgschaften. Aber es sind Forderungen, die wir in einer ehrlichen Rechnung genauso abschreiben müssen wie die Bürgschaften, die mit Sicherheit gezogen werden.
    Sagen wir also Forderungen statt Bürgschaften. Die liegen in der Summe inzwischen deutlich
    über 1 Billionen.

  • Rechner und kitfisto:

    Geldmengen sind von Land zu Land im Detail unterschiedlich definiert. Im wesentliche bedeuten sie aber
    M0 ist Bargeld im Umlauf
    M1 ist M0 + Girokonten + alle Spareinlagen mit Laufzeiten unter 2 Jahren. Das ist das Geld, mit dem Konsum und Investitionen bezahlt werden können, weil es zur Verfügung steht.
    M2 ist M1 + längerfristige Anlagen. Hier ist das Weltbild von Rechner falsch. Kredit- und Debitkarten gehören zu M1.
    M3 ist M2 + langfristige Anlagen am Geldmarkt und Bankenverbindlichkeiten untereinander.
    M3 ist ein Maß für die komplette Geldmenge. Aber Geld, was langfristig aus dem Kreislauf gezogen oder zwischen Banken hin und her geschoben wird, hat wenig Einfluss auf die Inflation. Die Zentralbanken gucken zwar auf M3. Die Inflation wird aber in M1 und vielleicht noch M2 besser gespiegelt.

    Aus dem Grund machen sich unsere Wünsch-Dir-was-Politiker trotz der Gelddruckaktionen der EZB wenig Sorgen um die Inflation. Sie glauben, das billige Geld kommt n nicht auf den Markt und kann problemlos wieder eingezogen werden. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Es wird Leute und Institutionen mit großem Vermögen geben, die an dieses billige Geld herankommen und es in Sachwerte umtauschen weil sie das Vertrauen verloren haben. Und dann ist dieses Geld im Umlauf und wird die Inflation anheizen, weil es ohne Gegenwert gedruckt worden ist.
    In dem Moment wo das Geld wirklich in den Umlauf kommt, erhöht es M1 und M2 ohne M3 zu verändern.

  • Rechner und kitfisto:

    Inflation
    Brot, Wurst, Käse, Milch, Fleisch, Gemüse, Kaffe, andere Getränke jeder Art kosten BEI GLEICHER QUALITÄT heute in EURO das gleiche wie vor 13 Jahren in DM.
    Das gleiche gilt für vernünftige Kleidung.
    Energie ist wesentlich teurer geworden.
    Wer den Warenkorb an den Preisen der städtischen Tafel und für Kleidung bei KiK festmacht, kommt natürlich auf andere Zahlen.
    Die Mieten lagen mal bei 6 – 15 DM/qm, heute liegen sie bei 4 – 10 EURO/qm.
    Über den Daumen haben sich die Preise für eine Durchschnittsfamilie verdoppelt. Das macht eine Inflation von ca 10%.
    Dass die staatliche Statistik anders aussieht, ist verständlich. Aber da sind auch die Renten sicher.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%