Showdown in der Griechenland-Krise
Ein Land zwischen Hoffnung und Angst

Die griechische Bevölkerung ist paralysiert. Die Verhandlungen zwischen der Regierung und den Gläubigern zerrt an den Kräften. Auch die Ablehnung des neuen EU-Angebots beeindruckt kaum – viele wollen nur noch Gewissheit.
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AthenAuf den ersten Blick ist es ein ganz normaler Freitag in Athen. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach. Auf der Hermes-Straße im Stadtzentrum, der beliebtesten Einkaufsmeile, benannt nach dem antiken Gott der Händler, herrscht reges Treiben. Touristen bevölkern die Straßencafés. Vor dem Grabmal des Unbekannten Soldaten am Parlamentsgebäude halten die roten Busse der Stadtrundfahrt. Sommerlicher Hochbetrieb auch auf der Akropolis.

Aber dies ist kein gewöhnlicher Tag. Das merken die Athener und Athen-Besucher spätestens, wenn sie aus der U-Bahn-Station am Syntagmaplatz kommen. Dort haben die ausländischen Fernsehstationen ihre Übertragungswagen aufgestellt. Am unteren Ende des Platzes steht das Hotel Athens Plaza. Die Zimmer im obersten Stockwerk sind bei den TV-Reportern besonders begehrt. Von den Balkonen können sie ihre Kameras auf das Finanzministerium und das Parlament richten – das ist die beliebteste Kulisse für die Live-Schaltungen aus Athen.

Unten auf dem Platz verkauft Pavlos die Koulourakia, die in Griechenland beliebten Sesamkringel. „Die schmecken auch den ausländischen Reportern“, sagt der Mittfünfziger. Aber auf den zusätzlichen Umsatz würde er gern verzichten. „Hoffentlich ist dieses Drama bald vorbei“, seufzt er.

Seit fünf Monaten liegt die Regierung von Alexis Tsipras nun schon im Clinch mit den Gläubigern. Nicht nur die Akteure in Brüssel sind genervt, auch die Geduld der meisten Griechen ist erschöpft. Fünf Jahre Sparkurs und Rezession haben die Menschen zermürbt. Und nun auch noch dieser Verhandlungsmarathon. Dass Tsipras bisher fast keines seiner Wahlversprechen – darunter höhere Renten und Mindestlöhne, ein milliardenschweres Sozialprogramm, 300.000 neue Arbeitsplätze – hat umsetzen können, ist fast schon in Vergessenheit geraten. Inzwischen geht es um viel mehr: Das Land steht am Abgrund des Staatsbankrotts, muss womöglich die Währungsunion verlassen.

Dieses Wochenende soll die Entscheidung bringen. Und die Griechen halten den Atem an. Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnung und Angst – der Hoffnung, dass es vielleicht doch noch in letzter Minute eine Einigung gibt, und der Angst vor dem großen, schwarzen Loch, in das man stürzt, wenn die Verhandlungen endgültig scheitern.

Nun hat die Regierung auch das jüngste Angebot der Gläubiger, das dem Land eine fünfmonatige Verlängerung des Hilfsprogramms und Zahlungen von insgesamt 15,5 Milliarden Euro in Aussicht stellt, abgelehnt. Der Vorschlag sei an eine Reihe von tiefen Einschnitten gebunden, die zu weiteren sozialen Härten führen würden, hieß es am Freitagabend in Athener Regierungskreisen.

Wenn die Regierung und das griechische Parlament diesen Vorschlag annähmen, bedeute das fünf weitere Monate Rezession und neue Verhandlungen unter Krisenbedingungen. „Dies ist ein Grund, warum dieser Vorschlag der Institutionen nicht akzeptabel ist.“

Die angebotenen Hilfsgelder von 15,5 Milliarden Euro seien außerdem „unzureichend“, weil sie keinen Ausgleich für jene Zahlungen beinhalteten, die Griechenland in den vergangenen Monaten an die Gläubiger und insbesondere an den Internationalen Währungsfonds geleistet habe.
Mit der Ablehnung des jüngsten Kompromissvorschlags der Gläubiger haben sich die Aussichten auf eine Einigung bei dem für Samstagmittag angesetzten Treffen der Eurogruppe weiter verschlechtert. Das trifft auch die griechischen Bürger.

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Die quälende Ungewissheit

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