Sibirische Kälte im Adlon
Sberbank-Chef Gref: Russlands Wirtschaft geht in die Knie

Industrieproduktion minus 18 Prozent. Autoabsatz halbiert. Maschinenbau minus 50 Prozent. Zwar spricht Sberbank-Chef German Gref ohnehin immer so leise, dass er kaum zu verstehen ist. Doch mit seiner Rede zur Lage in Russland versetzt der Kopf des größten osteuropäischen Geldhauses die Zuhörer in eine sibirische Schockstarre. Nach Jahren florierender Geschäfte kommt es jetzt knüppelhart.

BERLIN. Über Jahre hinweg waren die deutschen Manager und Banker von zweistelligen Zuwachsraten im Russland-Geschäft verwöhnt und vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (OA) traditionell mit einem weichgezeichneten Russlandbild versorgt worden. Doch jetzt kommt es knüppelhart. Industrieproduktion minus 18 Prozent. Autoabsatz halbiert. Maschinenbau minus 50 Prozent. Die Zahl der faulen Kredite in den Bankbüchern mit Abschreibungsbedarf: 20 Prozent.

Grefs Feststellungen über seine Heimat, die sich in den Putin-Jahren lange in der brütenden sibirischen Sommersonne geaalt und den Permafrost weggeträumt hatte, schlagen ein wie Granaten. Russlands Top-Banker, mit gut sieben Jahren im Amt des Wirtschaftsministers einer der am längsten gedienten Verantwortlichen der an Wechseln reichen Präsidentschaft Putins, nimmt kein Blatt vor den Mund: Nur mit über 100 Mrd. Dollar aus der einst reich mit Petro-Dollar gefüllten Staatskasse habe eine "Panik in der Bevölkerung und ein Stürmen der Banken verhindert" werden können.

"Allein die Sberbank musste täglich eine halbe Milliarde Dollar gegen Rubel an die Kunden verkaufen", plaudert Gref aus. Seit November 2007 ist er Herr über mehr als 20 000 Filialen und 261 000 Bank-Mitarbeiter, die die Hälfte aller russischen Sparereinlagen und ein Drittel aller Kredite zwischen Petersburg und Pazifik betreuen. Hoffnung macht er nicht. Im Gegenteil: "Wir werden einen Wirtschaftseinbruch von mindestens 7,5 Prozent in diesem Jahr haben." Es vergehen einige Sekunden, dann ergänzt er: "Wahrscheinlich sogar acht Prozent. Und um es ehrlich zu sagen, ich glaube nicht einmal im nächsten Jahr an Wachstum."

Gref ist und bleibt ein liberaler Marktwirtschaftler, auch wenn der zunehmend erfolglose Wirtschaftsminister der Putin-Jahre mit ansehen musste, wie der Staat die Schalthebel der Unternehmen wieder an sich zog. Jetzt übt er offene Kritik an seinem Mentor, der ihn einst aus der Stadtverwaltung an der Newa mit in den Kreml an der Moskwa gebracht hatte: "Unsere Banker dürfen in diesem Sommer erst in Urlaub, wenn sie den Instituten vom Staat gegebene Gelder in Form von Krediten an die Unternehmen verteilt haben", hatte Putin kürzlich dekretiert. Doch das sei "eine dumme Aufgabe", ätzt Gref. Je stärker der staatliche Druck auf Kreditvergaben werde, desto schlimmer würden die ökonomischen Folgen. Es gebe eben Unternehmen, die zum Sterben verurteilt seien, und die Regierung dürfe nur die wirklich Starken retten, wenn sie ihr Land stärken wolle.

Wie schwach die russische Nachfrage ist, haben die deutschen Unternehmen bereits zu spüren bekommen. Die deutschen Ausfuhren nach Russland sind im ersten Quartal um rekordverdächtige 31,4 Prozent auf nur noch 10,9 Mrd. Euro eingebrochen. Feste Bestellungen von russischen Kunden für 3,6 Mrd. Euro seien storniert worden, berichtet der Ostausschuss weiter. Um einen weiteren Einbruch zu vermeiden, ist nun die Politik am Zuge.

Am Donnerstag soll im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew ein Garantiefonds beider Länder vereinbart werden, aus dem deutsche Lieferungen nach Russland kreditfinanziert werden sollen. Die staatliche KfW-Bankengruppe soll dazu einen 500 Mill. Euro umfassenden Rahmenkredit an Moskaus staatliche Vneshekonom-Außenhandelsbank geben. Verhandelt wird noch, mit welchen Mitteln sich der russische Staat oder russische Geldhäuser an dem Fonds beteiligen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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