Sicherheitsmaßnahmen
Terror-Urteil könnte Flüssigkeiten-Verbot kippen

Fragt man Vielflieger nach Unannehmlichkeiten am Airport, fällt ein Stichwort immer wieder: Flüssigkeitenkontrolle. Sie treibt regelmäßig die Zornesröte in die Gesicher der Passagiere. Jetzt weckt ein Terror-Urteil Zweifel an dem strengen Verbot. Die Airlines frohlocken. Sie hoffen auf eine Zurücknahme der Regelung.

cot DÜSSELDORF. "Haben Sie Flüssigkeiten dabei?" Wer diese Frage an der Sicherheitskontrolle vor dem Abflugsgate mit "Ja" beantwortet, steht vor einem lästigen Prozedere. Er muss Zahnpastatube, Kontaktlinsenflüssigkeit oder Creme aus dem Gepäck herauswühlen, in eine durchsichtige Platiktüte bestimmter Größe verpacken und in einer grauen Platikschale durch die Durchleuchtungsmaschine fahren lassen. "Ärgerlich, hinterlich", schimpfen vor allem Vielflieger, die es eilig haben und durch die längeren Kontrollen nicht selten unter Zeitdruck geraten.

Weil zahlreiche Reisende die Vorschrift nicht genau kennen, werden an den europäischen Flughäfen immer noch täglich Millionen von Flaschen, Tuben und Cremetöpfchen eingesammelt. Vor den Sicherheitschecks kommt es zu langen Schlangen, das Bording verzögert sich, die Kosten steigen.

In Kraft getreten war die strenge EU-Regelungen für das Handgepäck im Jahr 2006 nach den vereitelten Anschlägen auf Transatlantikflüge. Britische Ermittler hatten das mutmaßliche Terrorkomplott damals im August aufgedeckt und nach eigenen Angaben einen "Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes" verhindert. Demnach wollten die Attentäter ihre Bomben als harmlose Getränke getarnt im Handgepäck an Bord schmuggeln, um mehrere Maschinen auf dem Weg vom Londoner Flughafen Heathrow nach Nordamerika in die Luft zu sprengen.

Seit der Aufdeckung des Plans werden Flüssigkeiten im Handgepäck von Flugreisenden streng kontrolliert. Nach den Sicherheitsregeln dürfen Passagiere nur noch bis zu jeweils 100 Milliliter Flüssigkeit an Bord mitnehmen.

Doch nun sollen diese und andere Flüssigkeiten, wenn es nach dem Willen der Fluggesellschaften geht, wieder zugelassen werden - ausgerechnet wegen eines Terror-Urteils in Großbritannien. Nach sechsmonatiger Verhandlungsdauer befand eine Jury im High Court des Südost-Londoner Stadtteils Woolwich die Angeklagten in dieser Woche für schuldig, sich verschworen zu haben, um gemeinschaftlich einen Mord zu begehen.

Allerdings: Die Geschworenen erzielten keine Einigkeit im wichtigsten Punkt. Es gab nicht genügend Beweise dafür, dass die Angeklagten geplant hätten, ihre Bomben an Bord mehrerer Transatlantikflüge detonieren zu lassen. Zwar wurden drei von acht der allgemeinen Mordverschwörung für schuldig befunden. Für die konkreten Anschlagspläne auf Flugzeuge und den damit verbundenen Massenmord reichten den Geschworenen die Beweise aber nicht aus. Bei vier Angeklagten konnte sich die Jury gar nicht einigen, einer wurde freigesprochen.

Das Pikante: Um die Jury zu überzeugen, dass die Angeklagten tatsächlich die Flugzeuge im Visier hatten, kamen die Festnahmen möglicherweise zu früh. Die Bomben waren noch nicht fertiggestellt, die Flüge noch nicht gebucht. Und die Märtyrer-Videos der Männer, in denen sie von verstreuten Leichenteilen und vom „Tod aus dem Himmel“ schwadronierten, reichten der Jury offensichtlich nicht aus.

Erste Airline stellt Verbot in Frage

Am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September herrscht bei den Strafverfolgern nun Fassungslosigkeit. Die Ermittler waren so sicher, bei der größten Anti-Terror- Überwachungsaktion des Königreichs wasserdichte Beweise für die geplanten Flugzeuganschläge und die Verbindung zum Terrornetzwerk El Kaida gesammelt zu haben. Der versuchte Mord an bis zu 5000 Menschen spielt nicht nur beim Strafmaß eine Rolle. Das Urteil könnte auch ein Rückschlag für die Akzeptanz künftiger Anti-Terrormaßnahmen sein. Schon wurden Fragen nach der Zukunft der Sicherheitsvorkehrungen an den Airports laut.

Auch die erste Airline reagierte: Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" hat Virgin Atlantic auf der Basis des Urteils eine Überprüfung des seit August 2006 geltenden Flüssigkeitsverbotes gefordert. Die Airlines hatten stets geklagt, dass die strengen Kontrollen britische Flughäfen unattraktiv machen. Außerdem wiesen sie auf zusätzliche Kosten in dreistelliger Millionenhöhe hin, welche die Überwachung des Verbotes verschlungen habe.

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