Sicht der USA
Kopfschütteln über die intellektuellen Europäer

Die Faszination, die Europa einst in den USA ausstrahlte, hat der alte Kontinent über die Jahrzehnte eingebüßt. Europa wirkt kompliziert, umständlich und zuweilen etwas langsam und seit dem Scheitern der europäischen Verfassung schütteln die Amerikaner auch gern den Kopf über den intellektuellen Anspruch der Europäer.

WASHINGTON. Andere Regionen der Welt – allen voran Asien mit China und Indien – scheinen herausfordernder, aber auch lohnender.

Für die amerikanische Instant-Gesellschaft sind Prozesse wie etwa die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Verfassung kein Ausweis von Dynamik, sondern schlichtweg überflüssig. Dass das Projekt zunächst am Nein in Frankreich und den Niederlanden gescheitert ist, löste jenseits des Atlantiks weder großes Bedauern noch Schadenfreude aus. Vielmehr wundert man sich über den enormen intellektuellen Anspruch, den man sich in Europa auferlegt hat.

Doch faktisch laufen 50 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge die Geschäfte zwischen den USA und Europa wie am Schnürchen. Das Volumen des transatlantischen Handels liegt jährlich bei rund 500 Mrd. Dollar. Noch bestehende Handelsbarrieren betreffen nur drei bis vier Prozent des Gesamtvolumens; über 95 Prozent des transatlantischen Austausches laufen schon jetzt praktisch zoll- und tariffrei ab.

Daniel Hamilton vom Zentrum für transatlantische Beziehungen an der Johns Hopkins Universität rechnet schon seit Jahren vor, dass die gegenseitigen wirtschaftlichen Bande so eng sind, dass sie Vieles aushalten – auch die ernsten Spannungen während des Irak-Krieges. Denn es ist nicht nur der zuweilen volatile Handel, der die beiden Partner zusammenhält, es sind vor allem die gegenseitigen Investitionen. Das Verkaufsvolumen von Niederlassungen deutscher Firmen in den USA ist dreimal größer als der Umfang der deutschen Exporte in die Vereinigten Staaten. Europäische Unternehmen sind fest in den USA verankert – und umgekehrt. Sie bilden das ökonomische Rückgrat der transatlantischen Verbindung. Auf dieser praktischen Ebene spielt es deshalb keine große Rolle, wie Europa in der öffentlichen Wahrnehmung dasteht.

Politisch haben sich dagegen die Konfliktfelder weiter aufgefächert. Denn mit dem Ende des Kalten Krieges ist die Klammer, die beide Seiten zusammengehalten hat, verschwunden. Dies wurde zuletzt vor allem bei der Beurteilung der Krisen im Mittleren Osten deutlich. Zwar gab es auch früher schon unterschiedliche Einschätzungen, etwa während der Suezkrise, beim Palästina-Konflikt oder beim Umgang mit der islamischen Revolution in Iran 1979. Doch nie haben die Differenzen ein solches Ausmaß erreicht wie im Falle des Iraks und des Kampfes gegen den Terrorismus. „Denn die Solidarität, ausgelöst durch die sowjetische Gefahr, hat dafür gesorgt, dass solche Unterschiede nie die transatlantischen Beziehungen aus der Balance brachten“, schreibt Charles Kupchan vom Council on Foreign Relations in Washington.

Seite 1:

Kopfschütteln über die intellektuellen Europäer

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%