Sieg der Rebellen
Gaddafi-Truppen antworten mit Scud-Rakete

Nach heftigen Gefechten haben die Rebellen Gaddafis Residenz gestürmt. Im Freudentaumel fallen sie über die Symbole Gaddafis her. Der spuckt in einer TV-Tonaufnahme Gift und Galle. Doch wo ist der Diktator?
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Tripolis/Bengasi/LondonDer einstige Machthaber Muammar Gaddafi meldet sich in einer Tonaufnahme über den Fernsehsender El Oruba zu Wort und bezeichnet den Rückzug aus dem umkämpften Regierungskomplex Bab al-Asisija als ein taktisches Manöver. Das Anwesen sei nach mehr als 60 Nato-Luftangriffen vollständig zerstört. Gaddafi erklärt, er werde weiterkämpfen bis zum Sieg oder bis zu seinem Tod.

Die Website des Fernsehsenders El Libija von Gaddafis Sohn Seif el Islam veröffentlichte die Botschaft ebenfalls. El Libija ist nicht mehr auf Sendung.

Man werde den Eindringlingen „Feuer unter den Füßen“ machen, sagte der Sprecher der Regierung von Muammar al-Gaddafi, Mussa Ibrahim, in der Nacht zum Mittwoch nach Berichten in einem Telefoninterview dem in Syrien ansässigen Sender Arrai. Nach seinen Angaben wurde die Residenz Gaddafis in Tripolis am Dienstag aus taktischen Gründen den Rebellen überlassen, da sie keinem „militärischem oder strategischem Zweck“ mehr gedient habe.

Wie Ibrahim weiter sagte, seien 6500 Freiwillige „in den vergangenen sechs Stunden“ nach Tripolis eingerückt und hätten sich in der ganzen Stadt verteilt. Nach wie vor befänden sich 80 Prozent der Hauptstadt unter Kontrolle des Gaddafi-Regimes, behauptete er. Nach Berichten einer BBC-Korrespondentin kam es auch in der Nacht zum Mittwoch in Tripolis immer wieder zu Kämpfe zwischen Aufständischen und Regierungstruppen, teilweise auch in der am Dienstagnachmittag von den Rebellen eingenommenen Residenz des Diktators.

Auf die von den Aufständischen gehaltene Stadt Misrata haben die Gaddafis Truppen nach Angaben der Rebellen Raketen gefeuert. Am Dienstagabend seien von Gaddafis Heimatstadt Sirte aus Scud-Raketen auf Misrata geschossen worden, teilte das Medienzentrum des Militärrates der Rebellen in Misrata mit. Es seien kräftige Explosionen zu hören gewesen. Misrata liegt knapp 250 Kilometer nordwestlich von Sirte.

Die Rebellen näherten sich am Dienstag von Westen und von Osten der Küstenstadt Sirte. Nach Angaben aus Kreisen des Nationalen Übergangsrates verhandelte unterdessen eine Rebellen-Delegation vor den Toren von Sirte mit örtlichen Stammesführern, um sie zu einer kampflosen Aufgabe der Stadt zu bewegen. Sirte gilt neben Sebah im Westen des Landes als möglicher Zufluchtsort Gaddafis.

Die libyschen Rebellen haben nach eigenen Angaben nach der Gaddafi-Residenz auch eine der größten Hochburgen des einstigen Machthabers in der Hauptstadt Tripolis erobert. Der Stadtteil Abu Salim sei nun unter der Kontrolle der Aufständischen, sagte ein ranghoher Sprecher der Rebellen dem Fernsehsender al-Arabija am späten Dienstagabend. Die libysche Regierung hatte die Bewohner von Abu Salim stets als besonders Gaddafi-treu bezeichnet.

Der Sprecher fügte hinzu, die Aufständischen würden den Sitz ihrer Übergangsregierung in den nächsten zwei Tagen von der Rebellenhochburg Benghasi nach Tripolis verlegen. Bei der Eroberung von Tripolis hatten die Aufständischen zuvor einen weiteren Etappensieg errungen: Nach einem heftigen Bombardement des Hauptquartiers von Gaddafi drangen Rebellen am Dienstag auf das Gelände des schwer befestigten Bab-al-Asisija-Komplexes im Zentrum der libyschen Hauptstadt vor. Sie feuerten Freudenschüsse ihn die Luft und räumten Waffenlager. Ihre Anführer rechneten aber noch mit der Gegenwehr loyaler Gaddafi-Soldaten in dem weitläufigen Komplex. Der Fernsehsender Al-Dschasira berichtete zudem, dass die Aufständischen mittlerweile die volle Kontrolle über den Flughafen von Tripolis gewonnen hätten.

Unklar blieb, wo sich Gaddafi versteckt hält. Der Rebellen-Sprecher erklärte, die Aufständischen hätten weiterhin keine sicheren Informationen über den Aufenthaltsort Gaddafis. „Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir ihn gefunden haben“, sagte der Rebellen-Sprecher Ahmed Bani dem Sender. Gaddafi verstecke sich „in einem der vielen Löcher“ der Hauptstadt.

Für die Nato spielt Gaddafi offiziell keine Rolle mehr. Das Gaddafi-Regime sei am Ende, sagte in Neapel Nato-Militärsprecher Roland Lavoie. „Seine Präsenz hat ohnehin nur noch symbolischen Wert für seine Anhänger.“ Die Lage in Tripolis stufte der Oberst als „sehr komplex“ ein, da Häuserkampf eigene Regeln habe und sehr schwierig sei.

Dennoch bleibe Libyen für die Nato weiterhin „eine 24/7-Operation“ - also mit Einsätzen rund um die Uhr. Ein Eingreifen von Kampfjets der Nato zur Unterstützung der Aufständischen gebe es nicht.

„Wir stehen auch nicht in direktem Kontakt mit den Rebellen, um irgendwelche Angriffe zu koordinieren.“ Dies bedeute nicht, dass es keine Nato- Luftschläge gegen den Gaddafi-Stützpunkt geben könne, so der Sprecher. „Wir bombardieren, wenn von einem Ziel eine Gefahr für die Zivilbevölkerung ausgeht.“

In Tripolis drangen die Aufständischen am Dienstag Nachmittag in den Gaddafi-Stützpunkt in Tripolis ein. In der Residenz verschanzte Kämpfer Gaddafis gaben den Widerstand nach blutigen Kämpfen auf und flüchteten, wie die Rebellen mitteilten. Einige Kämpfer hätten sich ergeben.

Auf Live-Bildern von Al-Dschasira war die von Einschusslöchern übersäte Front von Gaddafis Haus zusehen. Davor versuchten Kämpfer, eine riesige Skulptur zu zerstören: eine goldene Hand, die symbolisch ein US-Kampfflugzeug zerquetscht. Einige Rebellen kickten eine vergoldete Gaddafi-Maske hin und her.

Kurz zuvor hatte der US-Sender CNN berichtet, dass die Aufständischen nach kurzem Gefecht den internationalen Flughafen von Tripolis unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Nach einem Bericht der britischen BBC waren auch Kämpfe in der Nähe des Journalisten-Hotels Rixos aufgeflammt. Reporter berichteten von heftigen Schusswechseln und schweren Explosionen.

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  • Den Mauerfall und die DDR mit dem oben genannten vergleichen zu wollen ist einfach nur absurd... wir reden hier von grundverschiedenen Kulturkreisen mit komplett andere Werten etc.
    Mir ist es zumindest entgangen, dass beim Mauerfall oder dem so genannten "Sommermärchen" die euphorische Menge meinte, dass eine Massenergewaltigung und das Zusammenschlagen von ausländischen Reporterinen eben dazu gehöre...

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,745924,00.html

    setzten sie bitte ihre rosarote Brille ab und sehen sie die Welt einfach wie sie ist...

    Die sogenannten Rebellen und Freiheitskämpfer werden über Lybien herfallen wie einst die führerlos gewordene schwedische Armee, im 30 jährigen Krieg, über Deutschland...

  • Lieber grizzly,

    Mich freut, dass ihr Selbstwertgefühl es zulässt, Sie als einzigen "Erleuchteten" hier bei Handelsblatt zu sehen.

    Aber glauben Sie mir, ich bin nicht der "Gutmensch", wie Sie das definieren. Selbstverständlich beurteile ich wie Sie das Geschehen in Lybien durch Quellen, die ich für wahr halte. Dadurch bin ich durchaus in der Lage Informationen nach ihrem Wahrheitsgehalt zu prüfen. Und ich bin mir sicher, andere Leser ebenfalls.

    Ich bitte Sie deshalb, ein wenig Besonnener vorzugehen.

    Außerdem habe ich mit meinem Kommentar keinerlei Stellungnahme zu Lybien gegeben.

    MfG

  • Diejenigen, die das libysche Volk abschlachten, sind die Nato und deren Verbündete in Libyen- nicht Gaddafi !
    Ich stelle nicht umsonst alternative Quellenangaben hier mit ein, so daß sich jeder sein eigenes Bild, unabhängig vom Propagandamüll der westlichen Medien machen kann.
    Diese Möglichkeit sollte man vielleicht auch nutzen, BEVOR man seinen Senf dazu gibt.

    Bedauerlicherweise scheint die Dauerberieselung bei der Masse immer noch gut zu funktionieren.

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