Sierens Welt
Ausgebremst

Ausgerechnet der Papst stiehlt Staats- und Parteichef Xi Jinping auf dessen erster USA-Reise die Show. Das ist bitter für China, meint unser Kolumnist und China-Experte Frank Sieren.
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PekingEin Zufall ist das nicht. Im Gegenteil: Washington lässt die Vertreter zweier Weltmächte vortanzen. Kommende Woche ist Papst Franziskus zum ersten Mal in den USA. Ihm folgen etwa 1.3 Milliarden Gläubige weltweit. Gleichzeitig reist Chinas  Staats- und Parteichef Xi Jinping durchs Land. Er vertritt etwa 1.4 Milliarden Chinesen.

Das Treffen mit Xi wird anstrengend für Präsident Obama. Denn Xi ist ein Rivale, bei dem man „die Bereiche, in denen man unterschiedlicher Ansicht ist, konstruktiv anspricht“.  Da kamen die Reisepläne von Papst Franziskus gerade recht. Washington lässt Xi nun dem Papst gewissermaßen hinterherreisen – nicht ohne Vergnügen. Ausgerechnet der Mann, der zwar war keine Armee und nur ein klitzekleines Territorium hat, dafür aber umso mehr Softpower.

Am kommenden Donnerstag wird Franziskus als erster Papst überhaupt vor dem US-Kongress sprechen. Währenddessen reist Xi noch über Land. Sein Staatsbankett ist erst am Freitag. Nur Stunden zuvor hat der Papst jedoch vor der Vollversammlung der Vereinten Nation in New York gesprochen. Xi hingegen darf erst am Montag zur Uno. Immerhin ist der Papst dann schon wieder abgereist. Aber wer will Xi dann noch hören?

Wie das amerikanische Fernsehen seine Sendezeit in der kommenden Woche verteilen wird, ist jedenfalls klar. Herz schlägt Verstand. Das ist bitter für Peking. Xi reist ausgerechnet im Windschatten eines Papstes. Der Vatikan ist der einzige Staat in Europa, zu dem China keine diplomatischen Beziehungen hat. Peking verfolgt Bischöfe und sperrt sie ein. Die Kommunisten möchten nicht, dass die Katholiken in China Bischöfe ernennen, ohne die Zustimmung Pekings.  Das wird ein Thema werden auf der Reise und es ist klar, auf welcher Seite die Amerikaner in dieser Frage stehen.

Immerhin ist Papst Franziskus schon auf China zugegangen. Vor wenigen Wochen wurde zum ersten Mal seit drei Jahren ein chinesischer Bischof geweiht, der sowohl von den chinesischen Behörden als auch von der katholischen Kirche anerkannt wird. Und als Xi sein Amt übernommen hat, hat Franziskus ihm gratuliert und Xi hat sogar erstmals geantwortet. Und anlässlich der ersten Europareise von Xi 2013, sagte der Papst, „China ist ein großes Volk, das ich liebe.“ Sensationell wäre, wenn sich der Papst und Xi nun „zufällig“ in Washington begegnen und auf dem Gang die ersten drei Worte wechseln würden. Das wäre gut für China und den Vatikan und ein politischer Coup für Obama. Doch die Differenzen sind noch zu groß.

Fast noch schlimmer für Xi: Es wird während der USA Reise so sichtbar wie nie zuvor, was den Pekinger Toppolitikern seit Deng Xiaoping fehlt: Charisma, Spontanität und eine entspannte internationale Etikette. Keine Frage, das ist innenpolitisch gar nicht so einfach. Denn ein Großteil der traditionellen Bauern wäre irritiert, wenn ihr Präsident in Jeans mit Obama einen Burger essen ginge. Und manche Hardliner in der Führung auch. Das gleiche Problem hat Papst Franziskus mit seinen konservativen Schäfchen auch. Dennoch hat er die veraltete, erstarrte Etikette aufgebrochen.

Franziskus schafft es, die katholische Diktatur, den Umgang mit Frauen, den protzenden Prunk und vor allem den sexuellen Missbrauch von Kindern vorübergehend in den Hintergrund treten zulassen, zugunsten von Nächstenliebe, Gemeinschaft, Humor und Bescheidenheit. Davon kann Xi nur träumen. Zugegeben, der Papst hat es schon einfacher. Die Chinagläubigen im Westen sind überschaubar und das Christentum ist ein Teil des westlichen Wertekanons. China hält dagegen. Aber es hilft nichts.

Der politische Auftritt ist heute mindestens so wichtig, wie politische Macht und entschlossenes Handeln. Wie hieß es noch in der britischen Fernsehserie aus den Sechzigern: „Mit Schirm, Charme und Melone.“ Xi braucht mehr Charme und weniger Melone. Ein Schirm hingegen kann in Amerika nicht schaden.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

Kommentare zu " Sierens Welt: Ausgebremst"

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  • Die unterschwellige Häme des Artikels gegen Xi dürte unangebracht sein. Ist doch zu erwarten, dass die USA in den Papstreden nicht sonderlich gut davonkommen.

    Insofern wird das angeblich symbolhafte, vorweggenommene und ohnehin nur im vorliegenden Artikel virtuell herbeispekulierte Urteil der USA über China, dokumentiert durch die Reihenfolge der Reisetermine, kaum so interessant sein wie das Urteil des Papstes über die USA – das Herrn Xi eher wenig stören dürfte.

    PS: Es soll Kolumnen geben, die so halbäugig und auch an den Haaren herbeigezogen wirken, dass man sie besser nicht geschrieben hätte.

  • Man kanns auch so sehen, dass Obama erst vom Papst und dann von Herrn Xi abgewatscht wird. Dazu folgende Fakten: Franziskus war der erste Papst der China überfliegen durfte, China ist nun aufgeschlossener ggü. der katholischen Kirche (Protestanten wurden dieses Jahr noch verfolgt), der Papst kritisiert in extremer Weise den amerikanischen Kapitalismus und liegt auf der sozialistischen Schiene von Herrn Xi, beide kommen dann zur UN-Generalversammlung, beide zeigen großes Engagement um den Hinterhof der USA Südamerika herzurichten. Und noch eins auf Sierens Wellenlänge: Der Papst zieht wohl Kuba den USA vor, da er ja zuerst nach Kuba reist. Also was soll dieser verfehlte Kommentar von der Atlantikbrücke?

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