Sierens Welt
Brüderlicher Dialog

Die Gespräche zwischen dem Vatikan und Peking sind durchaus sinnvoll, findet Frank Sieren.
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Die Zahl der Christen wächst in China schneller als der Autoabsatz. Und das, obwohl der Vatikan und China seit 1956 nicht mehr miteinander reden. Deshalb predigen heute im Reich der Mitte von Peking abgesegnete Bischöfe und vatikantreue Bischöfe, die im Untergrund agieren. Einige von ihnen wurden eingesperrt, wie zum Beispiel Cosma Shi Enxiang. Er ist im Februar im Alter von 94 Jahren in der Haft gestorben. Viele Gläubige werden verfolgt und müssen ihre Messen daher in Privatwohnungen abhalten.

Das soll sich nun ändern. Peking muss etwas tun, da es inzwischen 100 Millionen chinesische Christen gibt, die in diesen Tagen landesweit Ostern feiern. Die Kommunistische Partei hingegen hat nur 87 Millionen Mitglieder.

Für den Vatikan wiederum ist China der größte Wachstumsmarkt für Gläubige. Deshalb beschnuppern sich Peking und der Vatikan seit einiger Zeit. "Ein Christ mehr ist ein guter Bürger mehr", sagte Wang Zuoan, Chef des staatlichen Religionsamtes, kürzlich sogar, "allerdings nur, wenn er ein theologisches Bekenntnis mit chinesischen Besonderheiten" ablege.

Auch Papst Franziskus bewegt sich auf China zu. Er strebe "einen brüderlichen und partnerschaftlichen Dialog" mit China an. Dass es ihm ernst ist, machte er Ende 2014 deutlich. Obwohl der Dalai Lama in Rom war und den Papst gerne getroffen hätte, lehnte Franziskus ab.

Inzwischen hat Peking Gesprächsbereitschaft bereits signalisiert. Das lässt wiederum den ehemaligen Hongkonger Bischof, Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, wütend werden. Der 83-Jährige hält den Vatikan für naiv. Er ist überzeugt, dass eine Übereinkunft mit Peking einer "bedingungslosen Kapitulation" gleichkommt. Kardinal Zen liegt falsch. Ein Treffen des Papstes mit Staats- und Parteichef Xi Jinping würde in einer Reihe mit berühmten ersten Begegnungen der Nachkriegszeit stehen: dem Treffen zwischen US-Präsident Richard Nixon und Mao Zedong 1972 oder der Begegnung Helmut Schmidts und Leonid Breschnews 1978.

Die Argumente gegen "Wandel durch Annäherung" sind damals wie heute die gleichen. Man dürfe den Widersacher nicht dadurch aufwerten, dass man mit ihm spricht. Das hat sich meist als falsch erwiesen. Selbst der Dalai Lama hat Verständnis für die Vatikan-Strategie. Ihn zu treffen sei derzeit "ein wenig heikel" für den Papst, den er "sehr bewundert". Die Chancen, die verbaut würden, wenn Franziskus den Dalai Lama träfe, wögen viel höher als der Schaden, der entstünde, wenn er den Dalai Lama nicht träfe.

Das Ziel des Vatikans lässt sich nicht kritisieren: weniger Christen in Chinas Gefängnissen. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin kann sich dabei auch eine Einigung im Streit über Bischofsernennungen nach dem Vorbild Vietnams vorstellen. Dort werden Vorschläge für neue Bischöfe zunächst an den Vatikan übermittelt.

Peking ist zwar noch skeptisch. Aber der Dialog hat begonnen. Bischof Zen sollte sich keine so großen Sorgen machen. Eine Kirche, die in Deutschland ein fast 100 Jahre altes Verfassungsgesetz bis ins 21. Jahrhundert rettet, das es ihr erlaubt, neben dem Staat Steuern zu erheben, kann so ungeschickt im Verhandeln nicht sein.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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