Sierens Welt
China hat Pickel

Die chinesische Konjunktur ist bockig. Doch das ist der Preis für einen Weg zu mehr Stabilität beim Wachstum. Die Wirtschaft der Volksrepublik ist nicht den Wechseljahren, sondern in der Pubertät, meint Frank Sieren.
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PekingEs war ein kurzes Gespräch am Ende eines langen Essens in Peking. Nein, sagt ein Mann zu einem anderen, China ist nicht in den Wechseljahren. Chinas Wirtschaft sei nicht etwa von Stimmungsschwankungen, Selbstzweifeln und Hitzeschüben geplagt. Und China verliere auch nicht seine Kraft. „China ist zwar bockig“, sagt er dann, „aber es bündelt auch seine Kraft neu. Chinas Wirtschaft ist in der Pubertät.“

Das ist die überzeugendste Beschreibung der wirtschaftlichen Lage, die ich bisher gehört habe und sie stammt eben nicht von einem Ökonom. Bei denen hört sich das bestenfalls so an: Chinas Wirtschaft wandelt sich zu einem stabileren Wachstum, das mehr auf Konsum und Dienstleistungen beruht als auf Investitionen und Produktion. Diese Mühe lohnt sich. Der Pekinger würde sagen: Die volle Ladung Testosteron kommt erst noch.

Die Debatte, ob Chinas Wachstum immerhin oder nur 6,9 Prozent beträgt und ob das Wachstum wirklich so hoch ist, wird vor allem von Analysten geführt, die weit weg sitzen. Je näher man China kommt, desto mehr regiert die Wirklichkeit. Die Pekinger wissen, dass es in einem so großen Land wie dem ihrem mit den Zahlen schwierig ist. Sie kennen ihre kommunistischen Pappenheimer. Also nehmen sie lieber unmittelbar Witterung auf.

Die nörgelnde Mehrheit kommt dabei ungefähr zu folgender Einschätzung: Es gibt viele Probleme. Die Behörden nerven. Es leben zu viele Menschen auf einem Haufen, die alle das Gleiche wollen. Hat man genug Geld in der Tasche? Nie genug, aber es geht. Gibt es Arbeit? Ja. Tut die Regierung was? Ja, sie hat die Preise für Autos gesenkt. Und die Immobilienpreise? Die sind zum Glück stabil. Die Börse ist für die meisten schon ein fernes Spektakel. Kaum sieben Prozent der Chinesen sind an der Börse engagiert.

Die Einschätzungen der Mittelschicht sind aber auch widersprüchlich. Wird alles schwieriger? Ja. Und war das auslaufende Jahr besser als das vorherige? Auch ja. Wird das kommende Jahr des Affen stabil bleiben? Sicher.

Klar, es nervt derzeit, dass sich eigensinnige Fehleinschätzungen in Peking und übermäßiges Selbstbewusstsein abwechseln. Aber es hätte schlimmer kommen können. Für einen Pubertierenden ist China noch einigermaßen vernünftig. Jedenfalls hat es einen Plan.

Wie das mit Pubertierenden so ist, werden Chinas Wirtschaftslenker Fehler machen, die vermeidbar gewesen wären, hätten sie nur auf die Altvorderen im Westen gehört. Das zeigt sich an Pekings Versuch sehen, die Börsen zu ihrem Glück zu zwingen. Aber diese Fehler sind wohl unvermeidbar, auf dem Weg, eine eigene Identität zu finden. Am Ende jedoch, davon sind die meisten überzeugt, wird ein starkes China stehen.

Aus der Ferne gelingt es hingegen selbst Topmanagern, die mit Schwellenländern viel Erfahrung haben, kaum, die Lage auf den Punkt zu bringen. Der Credit Suisse-Chef Tidjane Thiam zum Beispiel, zuvor Minister in Elfenbeinküste war, ist schon nicht schlecht: „Ja, es wird Wachstumsschmerzen geben“, sagte Thiam er kürzlich, „sie ändern ihr Modell von exportgetriebenem, kapitalintensivem Wachstum zu mehr Konsumorientierung, aber ich glaube, das werden sie schaffen.“ Die frechen Pekinger jedoch sind um Längen prägnanter: „Ja, China hat jetzt Pickel, aber nicht für immer.“

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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  • Kleiner Fehler: Es muss natürlich Brasilien, Russland und Indien heißen. Die Daten stammen von destatis: G7 in Zahlen. Mai 2015.

  • Zumindest ist Sieren viel Glaubwürdiger als alle Experten in Europa und den USA.
    Noch einmal: China wuchs 2014 um 7,3 Prozent. Es wuchs 2015 um 6,9 Prozent. Sollte China 2016 um 6,5 Prozent wachsen, hat China seine Wirtschaftsleistung um über 2.200 Milliarden Dollar gesteigert. Das ist etwa so viel wie Brasilien hat. Wachstum um ein Brasilien in drei Jahren. Ein Jahr später ist die Chinesische Wirtschaft um die Deutsche gewachsen. Alle vier Jahre ein mal Deutschland zusätzlich. Brasilien, Russland und China zusammen in acht Jahren zusätzlich. Die gesunkenen Rohstoff- und Energiepreise sind dabei nicht eingerechnet.
    Die Sinnlosdebatte in der OECD, dem IWF und der Weltbank ist so absurd, dass dahinter schon wieder Absicht steckt. Es soll von einer entgegengesetzten Entwicklung abgelenkt werden. Welche mag das wohl sein?

  • Herr Sieren dürfte mit seiner kurzen und prägnanten Einschätzung richtig liegen. Der Westen - zumal auch Deutschland - hatte sich über viele Jahre an ein Double Digit Wachstum in China gewöhnt, wobei die letzten Jahre mit einem " offiziellen " Wirtschaftswachstum in China von 7 - 7,5 % schon fast als Vorzeichen einer dauerhaften Wirtschaftskrise gedeutet wurden. Der von Sieren beschriebene " Pubertätsprozess " der chinesischen Wirtschaft wird zweifelsohne noch manche negativen Überraschungen bereithalten, u.a. auf dem Immobiliensektor und im Bereich der sog. Schattenbanken, insgesamt wird China jedoch ein stabilisierender Faktor in der Weltwirtschaft bleiben. Der Chef von HSBC Trinkaus hat kürzlich zudem zu Recht darauf hingewiesen, daß über eine Milliarde Konsumenten nicht als Käufer gerade auch deutscher Produkte ausfallen werden. Mit den notwendigen Anpassungen wird auch die deutsche Exportwirtschaft zurecht kommen. Grund zu einer Panik sollte jedenfalls nicht bestehen.

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