Sierens Welt
Chinesischer Samba

Während Europa um den Ausgang des Referendums in Italien zittert, umgarnt die chinesische Führung die kleinen Staaten Europas. Peking hilft ihnen – doch schwächt damit gleichzeitig die EU.
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PekingSchon seit Jahren umwirbt Peking vor allem die kleineren Länder im Osten der EU, wie einst Tony Holiday die Mädchen in der Dorfdisco: „Tanze Samba mit mir: Du bist so heiß wie ein Vulkan“.

Pekings feurige Avancen kommen natürlich gut an bei den von Brüssel vernachlässigten Ländern. Sie fühlen sich endlich ernst genommen. China zahlt nicht nur die Drinks, sondern hat auch Geld für eine gemeinsame Wohnung. Und nun, da der gewählte US-Präsident Donald Trump den Takt (noch) nicht halten kann, ist Europa für Peking wichtiger denn je.

Auch deshalb beobachtet die chinesische Führung aufmerksam, ob der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi am Sonntag mit seinem Plan durchkommt, die italienische Demokratie reformierbarer und damit international wettbewerbsfähiger werden zu lassen. Scheitert er, zwingt das überschuldete Italien die EU weiter in die Knie. Das wäre auch schlecht für Peking. Denn die Chinesen haben bereits politisch und wirtschaftlich viel investiert.

Zurecht jedoch wehrt sich Peking gegen den Vorwurf des Verführers oder gar Beherrschers. China will Europa weder erobern, noch besiegen. Umgekehrt war das allerdings in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch üblich in Asien. Indien wurde erst 1947 unabhängig von den Briten. Mao schüttelte die europäischen Kolonialherren erst 1949 ab. Im Fall Hongkongs und Macaus sollte es sogar bis Ende der 20. Jahrhunderts dauern. Was wir uns historisch betrachtet bis vor kurzem in Asien erlauben konnten, ist heute für Peking in Europa undenkbar.

Aber natürlich ist der Pekinger Samba in der EU nicht ohne Hintergedanken. So wie bei Tony Holiday. Er warb um einen One-Night-Stand. Peking will immerhin eine lange Beziehung. Allerdings eine, bei der auch die Frau Geld nach Hause bringt – die gleichzeitig jedoch mit chinesischen Interessen konform geht, wenn es um die neuen Spielregeln der Welt geht.

Zwar sind selbst die ärmsten osteuropäischen Staaten nicht käuflich. Die beglückten Länder zeigen sich jedoch dankbar für jede Zuwendung. Das Problem: Je enger Peking mit den unzufriedenen Ländern zusammenarbeitet, desto geringer wird der Druck für sie, sich mit den Erziehungsberechtigten in Brüssel zu arrangieren. Peking untergräbt so den Zusammenhalt in der EU: Viele Menschen wollen in Zeiten, in denen nichts mehr so ist wie einst, dass alles so bleibt, wie es im Grunde nie war.

Brüssel versucht derweil den chinesischen Samba durch Tanzverbot zu bekämpfen. Die EU gegen die Verlockungen chinesischer Investitionen abzuschotten, wird jedoch nicht funktionieren. Renzi hat das erkannt. Er versucht mit aller Macht, Italien wieder attraktiver werden zu lassen. Denn er weiß: Am Ende ist der Samba stärker. Und dann ist es wichtig, wer den nächsten Tanz bekommt.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit mehr 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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