Sierens Welt
Das Symbol Jan Böhmermann

Der Hype um Jan Böhmermann wegen seines Erdogan-Schmähgedichts klingt ab. Nicht so in China: Dort gilt der Moderator als Symbol für die Zensur des Westens. Warum das nicht so einfach ist.
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Jan Böhmermann ist in China angekommen. Statt mit der chinesischen Floskel „Hast Du schon gegessen?“, werde ich derzeit in Peking mit „Bei Euch wird ja auch zensiert.“ begrüßt. Sogar eine chinesische TV-Talkshow hat sich schon mit dem Fall beschäftigt.

Leider kommt mir der Satz „In Deutschland wird nicht zensiert.“ nicht mehr so einfach über die Lippen. Das ZDF hat den Beitrag ja aus der Mediathek genommen. Und es wurde sehr deutlich, dass Angela Merkel im Zweifel die guten Beziehungen zu Herrn Erdogan wichtiger sind, als die Meinungsfreiheit. Mag es ihr auch noch so klug erscheinen: Denn sie wird zweifellos eher wiedergewählt, wenn sie die Flüchtlingsprobleme löst, wozu sie Erdogan unbedingt braucht, als wenn sie die Meinungsfreiheit verteidigt.

Insofern ist die Feststellung eines chinesischen Freundes richtig: Böhmermann wollte auf die türkischen Missstände aufmerksam machen und hat dabei aus Versehen die Zustände in Deutschland entlarvt. Dabei unterschätzt der Freund allerdings: Die „Zustände“ bedeuten auch, dass am Ende ein vergleichsweise, unabhängiger Richter zwischen Meinungsfreiheit und der Bestrafung von Beleidigungen abwägt.

In China ist das anders: Das hat der Anwalt Ge Yongxi vergangene Woche erlebt. Er postete eine satirische Fotomontage. Sie zeigt Spitzenpolitiker aus drei Generationen, Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Xi Jinping, denen das Wasser bis zur nackten Brust steht, während sie den Panamakanal durchwaten. Jeder Chinese denkt dabei an den Satz „Nach den Steinen tastend den Fluss überqueren“, mit dem Deng die chinesischen Ideologen zum Pragmatismus erzogen hat. Deng, sagt in der Karikatur, der Kanal sei schon sehr tief. Jiang fürchtet, sie könnten ertrinken. Xi beruhigt sie jedoch: „Ich habe doch einen Schwager.“ Sein Schwager ist jüngst in den Panama Papers aufgetaucht.

„Schwager“ gilt schon länger als Synonym für Korruption. Im Vergleich zu Böhmermanns Geschmacklosigkeit ist das eine sehr feinsinnige Satire. Ge wurde jedoch noch am selben Tag verhaftet. Am nächsten Morgen wurde er wieder freigelassen, nachdem er eine Unterlassungserklärung unterschrieben hatte. Mit der gleichen Wahrscheinlichkeit jedoch hätte Ge auch länger im Gefängnis sitzen können.

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Das Symbol Jan Böhmermann

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Xi fordert mehr Toleranz für Kritik

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  • Korrektur:

    "der ihm dafür blühenden drastischen Konsequenzen wirklich „lohnen“ muss – "
    Bitte das "ihm" streichen! Danke.

    " (wobei ich hoffe, dass er als ein sehr ermutigendes Zeichen gesehen wird)"
    Wollte natürlich statt "er" "es" schreiben.

  • Eins vorweg: Finde Ihre aufschlussreichen Hinweise auf den (offenbar sehr gewitzten) Umgang des „ganz gewöhnlichen Chinesen“ mit den alltäglichen Widrigkeiten in einem autoritären System köstlich.

    Besonders interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass, allein schon aufgrund der Tatsache, dass sich in solchen Staaten, deren Führung auf Repression setzt, das Risiko, das man eingeht, wenn man einen guten politischen Witz auf Kosten der „Obrigkeit“ macht angesichts der ihm dafür blühenden drastischen Konsequenzen wirklich „lohnen“ muss – und das tut es allemal, wenn alle darüber lachen können, OHNE dass ihnen hinterher schlecht wird.

    Das sollte einem schon zu Denken geben (wobei ich hoffe, dass er als ein sehr ermutigendes Zeichen gesehen wird).

    Bitte meinen Kommentar jetzt aber keinesfalls als Plädoyer für (noch mehr) Repression missverstehen!!!

  • "Böhmermann wollte auf die türkischen Missstände aufmerksam machen und hat dabei aus Versehen die Zustände in Deutschland entlarvt."

    Die Zustände in Deutschland sind so, dass ein öffentlich rechtlicher Sender mit unseren Zwangsbeiträgen solche Sendungen produziert. Das hat nichts mit Kunst, Satire oder Meinungsfreiheit zu tun. Das ist nur primitiv. Den Fehler, den Frau Merkel gemacht hat war, mit der Türkei vorab darüber zu "reden". Erdogan kann ja vor einem deutschen Gericht klagen. Zu einer Anklage nach § 103 StGB hätte die Aussage "wir prüfen das" gereicht. Mehr Aufmerksamkeit haben weder Erdogan noch Böhmermann verdient. Wir haben wahrlich andere Probleme.

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