Sierens Welt
Der Papst hofiert Peking

Der Papst äußert sich erstmals zu China. Doch er hofiert Peking, statt Kritik zu üben. Dass Christen in China verfolgt werden, erwähnt Franziskus mit keinem Wort. Das ist taktisch klug, meint Frank Sieren.

PekingZu China haben sich die Mächtigen der Welt alle schon geäußert, sollte man meinen. Einer hat jedoch erst jetzt gesprochen. Papst Franziskus hat sich in dieser Woche als erster Papst zu China geäußert. Das historische Exklusivinterview gab er Francesco Sisci, einem italienischen Freund von mir, den ich viel zu selten sehe, obwohl er auch schon über zwanzig Jahre in China lebt.

Sisci kennt nicht nur China gut. Er hat auch gute Kontakte in den Vatikan. Es wurde ein bemerkenswertes Gespräch. Der Papst hofiert China und dass, obwohl die Volksrepublik und der Vatikan keine offiziellen diplomatischen Beziehungen haben und sich über die Freiheit von Katholiken in China streiten. Dass Christen in China verfolgt werden, erwähnt Franziskus mit keinem Wort.

Ein Papst, der sonst Tacheles redet, der mit dem Feudalismus im Vatikan aufräumt, sich auf seinen Reisen demonstrativ für die Entrechteten einsetzt. Das mag die Kämpfer unter den Christen ärgern. Doch Franziskus geht es nicht darum, ein Auge zuzudrücken. Er will diplomatische Beziehungen zu China, einen ständigen Dialog. Wenn er Vorhaltungen voranstellt, verringert er seine Chancen.

Doch China ist ihm wichtig: „Ich wurde sehr emotional, was mir normalerweise nicht passiert“, sagt Franziskus über sich, als er im vergangenen Jahr zum ersten Mal über China geflogen sei und Peking seine Grüße übermittelte. „China ist mehr als ein Land, es ist eine große Zivilisation mit einer unerschöpflichen Weisheit.“ Schon als Junge habe ihn das Land interessiert. Vom dem Jesuit Matteo Ricci, der von 1582 bis 1610 in China lebte, habe er gelernt, dass man mit China in einen Dialog treten müsse.

Ohne Peking zu kritisieren, hat Franziskus eine genaue Vorstellung wie der Dialog mit Peking aussehen sollte. Es geht nicht darum „einen Kuchen zu teilen, wie das in Jalta passiert ist“. Sondern darum, „einen Weg gemeinsam zu gehen“. Dabei müsse China Verantwortung für seinen Weg übernehmen, „seine Vergangenheit akzeptieren, auch wenn Fehler gemacht wurden“. Dialog bedeute nicht, „sich zu ergeben, sondern der Realität ins Auge zu schauen“, betont der Papst: „Ich mag sie nicht. Ich bin gegen sie. Sie lässt mich leiden.“

Klug an den Äußerungen ist, dass sie gleichzeitig an die Sturköpfe in Peking und im Vatikan gerichtet sind. „Man kann den Kopf in den Sand stecken wie der Vogel Strauß und die Realität ignorieren. Das bringt aber nichts“, sagt der Papst. Aber macht er nicht genau das, indem er über die Verfolgung von Christen öffentlich schweigt? Nein. Es ist klug, wenn es darum geht, den Dialog voranzubringen.

Nach vierjährigen inoffiziellen Gesprächen mit der chinesischen Regierung haben der Vatikan und Peking sich 2015 entschieden, zukünftig Bischöfe gemeinsam zu ernennen. Seitdem jedoch sind die Gespräche nicht viel weiter gekommen. Wenn Franziskus sich nun gegenüber Peking verbeugt, verliert er sein Ziel nie aus den Augen: Die Lage der Christen in China in einer Weise zu verbessern, mit der Peking dauerhaft leben kann.

Der Preis, den Franziskus dafür zahlt, ist allerdings auch offensichtlich: Nie wurden die Machtverhältnisse zwischen China und dem Vatikan deutlicher, als in diesem Gespräch. Der Papst muss sich bemühen. Peking kann abwarten.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China
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