Sierens Welt: Die Hälfte des Himmels

Sierens Welt
Die Hälfte des Himmels

Nach Chinesisch-Neujahr ging in Peking alles schleppend voran. Alte Geldscheine mussten gebügelt werden und der Handel kam nur schwer in Gang. Doch er ist nicht mehr der alleinige Indikator für die Stimmung im Land.
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PekingDas ist schon eigenartig. Der Handelseinbruch von dieser Woche passt so überhaupt nicht zu dem, was ich derzeit in China täglich erlebe. Zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr ist die Stimmung transparenter als nach Chinesisch-Neujahr, wenn alle wieder von ihren Verwandtenbesuchen zurückkehren. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Stimmung im Land riecht nicht nach Krise. Der Restaurantmanager gegenüber meinem Büro klagt schon seit Tagen, dass einige seiner Mitarbeiter nach den Feiertagen gar nicht mehr zurückkommen.

Er musste sogar auf eine kleinere Speisekarte umstellen. Und einige Mitarbeiter meines Friseurs haben eigenmächtig entschieden, unbezahlt zwei Wochen länger in den Ferien zu bleiben. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sie höflich zu fragen, wann sie denn wieder zu arbeiten gedenken, denn er kriegt keinen Ersatz. Es gibt also offensichtlich genug Jobs anderswo als in Peking.

Gleichzeitig gingen die Ausfuhren im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat gut elf Prozent zurück, das ist ein Einbruch fast um den Faktor 10 im Vergleich zum Vormonat. Die Importe brachen gar um 18,8 Prozent ein. Fast zwanzig Prozent. Das hat die meisten Analysten kalt erwischt. Eigentlich müsste sich dies unmittelbar auf die Stimmung im Land auswirken. Die Arbeitslosigkeit müsste steigen.

Aufgrund der schwachen Importe müsste punktuell die Energie knapp werden oder zumindest müssten einzelne Waren ausverkauft sein. Doch nichts dergleichen. Es gab und gibt alles im Überfluss. Einzig neue Geldscheine waren zu Chinesisch-Neujahr knapp. Chinesen verschenken gerne neue Scheine zum Fest. Das bringt angeblich Glück und Reichtum. Weil es nicht genug neue gab, wurden überall im Land alte gebügelt.

Viele Analysten sagen die Daten sind wegen der Feiertage stets verzerrt. Erst in vier Wochen wisse man mehr. Gewiss jedoch werden die Exporte bis dahin nicht um zwanzig Prozent steigen. Immerhin ist China durch den Einbruch nicht instabiler geworden. Im Gegenteil: Weil die Exporte stärker gesunken sind als die Importe, hat China ein Rekordhandelsbilanzüberschuss von über 63 Milliarden US-Dollar eingefahren. Doch der hat wiederum nur wenig mit der Stimmung im Land zu tun.

Die überzeugendste Erklärung für die Diskrepanz lautet: Die Export- und Importzahlen, auf die wir uns seit Jahren mit großer Gewohnheit stürzen, spiegeln die chinesische Wirklichkeit nur noch bedingt wieder. Andere Faktoren werden wichtiger: Der Dienstleistungssektor hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal mehr als 50 Prozent der chinesischen Wirtschaft ausgemacht und ist um 8,3 Prozent gewachsen. Allein die Tourismusindustrie macht inzwischen zehn Prozent des chinesischen BIPs aus. Der Konsum hat übrigens allein während Chinesisch-Neujahr um gut elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Das nun wirklich ist kein Zeichen schlechter Stimmung.

China ändert sich offensichtlich schneller als wir. Deshalb sollte man in deutschen Redaktionen einen Spar-Panda aufstellen. Wer über Chinas Wirtschaftskraft berichtet und die Dienstleistungen „vergisst“, muss fünf Euro einwerfen. „Frauen tragen die Hälfte des Himmels“, hat Mao Zedong früher gesagt. Heute würde er hinzufügen: „Der Konsum trägt die Hälfte des Himmels“.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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