Sierens Welt
Die Sanftmut der Ziege

Nach dem vergangenen Jahr ist den Chinesen Stabilität mehr wert denn je, meint Frank Sieren.
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Am gestrigen Donnerstag hat in China das Jahr der Ziege begonnen. Oder das Jahr des Schafes. Die Chinesen machen da keinen so großen Unterschied. Bei uns gilt das Schaf als dumm, die Ziege als zickig. In China stehen beide für Sanftmut und Ausgeglichenheit. So soll auch das neue Jahr werden. Das wäre gut für die Welt nach dem wilden Pferdejahr.

Silvester in China am vergangenen Mittwoch war ein Tag, an dem sich manche Gespräche in Peking um die Frage drehten, wie die taumelnde Welt wieder stabiler wird. Dabei ist mir aufgefallen: Wenn Chinesen bei Jiaozi, den chinesischen Maultaschen, darüber diskutieren, hat Stabilität einen anderen Wert als für viele von uns im Westen. In China ist die Frage "Diktatur oder Demokratie?" weniger wichtig als die Frage "Chaos oder Stabilität?" Im Chinesischen gibt es dafür sogar ein Wort: Luan, Chaos. Luan gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Lieber Diktatur als Unordnung lautet die Formel. Wenn Demokratie möglich ist, ohne dass die Ordnung gefährdet wird, dann gerne die. Aber nur dann.

Im Westen hingegen neigt man dazu, prinzipientreu, aber unpraktisch zu sein. Die Zerstörung der Diktatur heiligt alle Mittel. Denn ihr kann ja nur eine Demokratie folgen. Eine Vorstellung, die immer größere Risse bekommt.

Noch größer würden die Zweifel, wenn noch mehr Westler sich eine Frage stellen würden, die den Menschen in China zum Jahreswechsel selbstverständlich einfällt, weil ihnen das Chaos der Kulturevolution noch gut in Erinnerung ist. Die Frage lautet: Was kommt danach? Oder genauer: In welchem System geht es unter den jeweiligen Umständen der Mehrheit am besten?

Saddam Hussein war ein Schurke, aber der heutige Irak ist alles andere als ein System, das den Menschen mehr Wohlstand garantiert als in der alten Diktatur. In Ägypten fühlen sich viele nicht besser als unter Hosni Mubarak. Und Oberst Gaddafi hat von 1969 bis 2011 als Diktator geherrscht, oft mit brutalen Mitteln. Aber immerhin war es ein Staat; heute herrscht Bürgerkrieg und gilt Libyen als "failed state". Womöglich wird man dies eines Tages auch über die Ukraine sagen. Sind diese "Luan"-Länder auch dahin gekommen, weil westliche Politiker sie befreien wollten?

Je mehr Chaos um China herum ausbricht, desto wertvoller erscheint den Menschen die Stabilität der vergangenen Jahrzehnte. Dieses Silvester ist mir klarer denn je geworden: Stabilität ist wahrscheinlich das grundlegendste Menschenrecht. Denn die Willkür der Stabilität ist meist weniger unmenschlich als die Willkür der Anarchie. Wer in China Stabilität fordert, ist also nicht per se ein Machtzyniker. Keine Frage: Das Pochen auf Stabilität schafft Raum für Willkür, die mit Gewalt versucht, Mitbestimmung zu verhindern.

Wenn die Zeit dafür reif ist, wird die Mehrheit mehr Freiheit einfordern. Aber bitte ohne dass Ausländer eine Minderheit aufblähen, indem sie sie ausbilden, bezahlen oder ihnen sogar Waffen geben. Mit Diktatoren und Demokraten ist es also wie mit Schafen und Ziegen. Es ist nicht nur legitim, sondern sogar geboten, unter den jeweiligen Umständen unterschiedliche Vorstellungen von ihren Stärken und Schwächen zu haben. So zu denken müssen wir im Westen erst wieder lernen.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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