Sierens Welt
Die Wachen des Kaiserpalastes

Auch mit den teuren Legionären kommt der chinesische Fußball so schnell nicht auf die Beine, glaubt Frank Sieren. Denn weder Telekomunikations-Ingenieure noch Fußballer fallen vom Himmel.

PekingWenn ich mir den chinesischen Fußball anschaue, stelle ich mir schon die Frage, wieso es so viel schwieriger sein soll, eine gute Fußballmannschaft aufzubauen, als ein gutes Smartphone-Unternehmen? Am Geld kann es inzwischen nicht mehr liegen. Große Unternehmen investieren in chinesische Fußballklubs.

Beijing Guoan zum Beispiel gehört der CITIC-Group einem staatlichen Finanz & Investmentunternehmen mit einem Umsatz von rund 50 Milliarden Euro. Guangzhou Evergrande wird zur einen Hälfte von der Evergrande Group und zur anderen Hälfte von dem Internetkonzern Alibaba betrieben. Vor fünf Jahren kannte kaum jemand den südchinesischen Klub. Inzwischen ist das besser geworden. Allerdings hätte ich mehr erwartet nach Investitionen von immerhin umgerechnet 2,5 Milliarden Euro.

An mangelndem Know-how im Marketing kann es also auch nicht liegen. Marketing ist eine der großen Stärken des Internetkonzerns. Auch die Zuschauer sind für die Qualität, die ihnen geboten wird unglaublich geduldig mit den Vereinen. Die „Wachen des Kaiserplastes“ wie sich der Fanklub von Beijing Guoan nennt, jubelt seinen Spielern in der Nordkurve frenetisch zu, obwohl die oft daneben treten. Dabei wissen die Fans genau, wie guter Fußball aussehen kann: Die wichtigsten Spiele der deutschen und der englischen Liga werden in China live im Fernsehen übertragen.

Und nicht zuletzt müsste es doch nach menschlichem Ermessen möglich sein, aus einem Pool von 1,3 Milliarden Menschen elf Fußballspieler zu rekrutieren, die international mitspielen können, ohne unangenehm aufzufallen. So ist es leider jedoch nicht. Denn weder Telekomunikations-Ingenieure noch Fußballer fallen vom Himmel.

Selbst wenn die Talente da sind, müssen sie gefördert werden. Bei den Ingenieuren ist das in China kein Problem mehr. Die Unis bringen Spitzenleute hervor. Beim Fußball ist das bisher jedoch noch anders. Der chinesische Fußballverband hat nur 100.000 Mitglieder, während der Deutsche Fußballverband DFB fast sieben Millionen hat.

In China wird keine systematische Jugendarbeit betrieben. Die Kinder spielen landesweit nur einmal im Jahr ein gemeinsames Turnier. Bisher machte es für Eltern zudem keinen Sinn den Fußballwunsch ihrer Kinder zu fördern, da es kaum Vereine gibt und das Hobby nirgendswo hinführt. Das ändert sich nun allmählich. Immerhin soll Fußball jetzt Pflichtfach in den Schulen werden und Vereine wie Guangzhou Evergrande haben Jugendakademien aufgemacht. Allerdings dauert es noch mindestens eine Generation bis die Nachwuchsarbeit funktioniert. Dabei gibt es keine Abkürzung.

Auch Legionäre aus den großen europäischen Vereinen wie Arturo Vidal von FC Bayern, Christiano Ronaldo von Real Madrid, Paul Pogba von Juventus Turin ändern das nur marginal. Obwohl die Chinesen getreu dem Song des niederbayrischen Komikers Fredl Fesl handeln: „Für Geld da kann man vieles kaufen, auch Leute die dem Ball nachlaufen.“ Selbst Alex Teixeira, der mit einer Ablösesumme von 50 Millionen Euro bisher teuerste Einkauf, kann das Steuer nicht herumreißen. Er spielt wie die anderen Ausländer tollen Fußball, doch auch er muss ab und an mal abspielen. Doch wohin nur?

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China
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