Sierens Welt
Die wichtigsten Umschläge Chinas

Geld zu Weihnachten zu verschenken, ist langweilig? Im Gegenteil: Die pragmatischen Chinesen haben daraus das größte private Umverteilungsritual der Welt geschaffen. Wie die chinesische Oma die Weltwirtschaft ankurbelt.
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PekingBei uns im Westen gilt es als ein wenig lieblos, zu Weihnachten einen Umschlag mit Geld zu verschenken. Wenn es passiert, weil die Oma nicht weiß, was die Enkel mit Minions meinen, dann eher verschämt oder betont nüchtern.

Die Chinesen haben seit langem aus dieser Not eine Tugend werden lassen. Ein kleiner roter, mit Geld gefüllter Umschlag steht im Mittelpunkt des chinesischen Neujahrsfestes. Mit großer Leidenschaft haben sie diese Woche wieder ihre Hongbaos ausgetauscht, wie sie die Umschläge nennen. Fast jeder, der einem näher steht, bekommt einen. Enge Verwandten ebenso, wie der Hausmeister.

So ist das wohl größte private, soziale Umverteilungsritual der Welt entstanden. Die reichen Verwandten schenken den ärmeren höhere Summen als umgekehrt, ebenso die Chefs ihren Mitarbeitern. Die Alten unterstützten die Jungen. Die ganz Alten wiederum werden von ihren Kindern versorgt. Ohne, dass der Staat auch nur einen Finger rührt, wandern hunderte Milliarden Yuan von oben nach unten und kurbeln so die Wirtschaft an. Viele Nachbarstaaten Chinas haben die Sitte bereits übernommen und sogar auf den christlichen Philippinen ist das chinesische Neujahr inzwischen ein Feiertag – Umschläge inklusive.

Die Hongbaos sind ein sehr weltliches System, auch wenn ein wenig Aberglaube noch immer dabei ist. Die Summe soll nicht mit einer vier enden, weil die Zahl vier genauso klingt wie das Wort Tod. Aber allen ist klar, worum es geht: „Reichtum herbeirufen und Schätze ins Haus bekommen“, steht auf manchen Umschlägen, die auch bei Geburtstagen, Hochzeiten oder Beerdigungen verteilt werden – die meisten jedoch zu Chinesisch-Neujahr. Etwa so wie Weihnachten bei uns, nur, dass die Kette der Menschen, die beschenkt werden viel länger ist, weil mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben.

Deshalb musste das Schenken über Hunderte von Jahren hinweg immer effizienter werden: Anfangs in der Qing Dynastie im 17. Jahrhundert legten die Eltern das Geld den Kindern unters Kopfkissen, um zum Jahreswechsel das „Jahresmonster“ zu vertreiben. Als die Druckerpressen populärer wurden, konnte man Umschläge drucken und das Geld dort reinstecken. Das war viel praktischer. In den 80er Jahren wuchs die Umschlagbewegung exponentiell als immer mehr Chinesen zu Neujahr auf Reisen gingen.

Der bisher größte Schub setzte jedoch vor zwei Jahren ein: Da führte der Internetkonzern Tencent den elektronischen Hongbao ein. Allein auf WeChat, dem chinesischen WhatsApp wurden bis Ende dieses Neujahrstages über acht Milliarden Hongbaos verteilt. 2014 waren es insgesamt erst zwanzig Millionen. Der virtuelle Hongbao gilt gar nicht als schnöde, sondern als besonders cool. Nicht einmal ein Bankkonto ist mehr nötig.

Gegen diese Art von sozialer Vernetzung, die auch noch der Wirtschaft dient, hat die Regierung nichts. Im Gegenteil: Der chinesische Fernsehsender CCTV durfte während seiner Silvestergala mit 700 Millionen Zuschauern für die E-Umschläge werben. Der E-Handelskonzern Alibaba verschenkte live rote Umschläge im Wert von rund 800 Millionen Yuan, also 110 Millionen Euro. Die große, freiwillige Umverteilung gewinnt weiter dramatisch an Fahrt. Das ist wichtiger denn je in Zeiten sinkenden Wirtschaftswachstums.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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  • Also als Mittelpunkt würd ich das nicht bezeichnen, eher als dazugehöriger Geste! Immerhin haben die Chinesen auch ein Ritual wo Geld verbrannt wird (wortwörtlich übrigens!
    Mein Fazit: Für Chinesen ist Geld nunmal nicht das wichtigste, im Gegensatz zu unserer von Gier zerfressenen Gesellschaft!

    Noch ein bekannter Spruch aus China: Ein erfolgreicher Geschäftsmann geht zu einem Mönch um zu wissen warum er nicht glücklich sei obwohl er doch Geld zu genüge hat!
    Mönch: Hier nimm meine Hand und sei mein Freund...
    Wer ist wohl reicher...

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