Sierens Welt
Ein Weltereignis

Frank Sieren lobt den Mut europäischer Staaten, der asiatischen Entwicklungsbank beizutreten.
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Chinas Weltbank ist ein historisches Ereignis. Ein Meilenstein auf dem Weg zu einer multipolaren Weltordnung, in der die globalen Institutionen nicht mehr vom Westen dominiert werden. Das Datum März 2015 gehört in eine Reihe mit dem Juni 2008, als China der größte Gläubiger der USA wurde, und dem November 2008, als sich die G8- in eine G20-Gruppe verwandelte, in der nun auch China, Indien und Brasilien eine große Rolle spielen.

Wichtig ist das Datum, weil Deutschland, England, Frankreich und Italien sich entschieden haben, der asiatischen Entwicklungsbank AIIB beizutreten: Lieber Ärger mit den USA, als in Asien den Anschluss zu verpassen, lautet ihre Devise.

Schön wäre es gewesen, wenn Berlin sich zuerst getraut hätte, denn für den Ersten gibt es die größte politische Rendite. Nun sind Deutschland, Frankreich und Italien wichtige Nachzügler. So wichtig immerhin, dass Australien und Südkorea, die aus Rücksicht auf ihren pazifischen Verbündeten Amerika bisher gezögert haben, wieder Interesse bekunden. Nur Japan traut sich noch nicht.

Ausgerechnet die Briten haben den ersten Schritt gemacht. Mit großem historischem Abstand sieht das aus wie eine späte Rache. Spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die USA Großbritannien als führende Weltmacht abgelöst. Nun wiederum sind die Briten das Zünglein an der Waage bei der nächsten Weltmachtablösung. Doch von Rache keine Spur, die Briten haben in Europa die engsten US-Beziehungen.

Deshalb ist die Niederlage für Washington besonders bitter. Ein Machtkampf mit Europa, den Washington selbst angezettelt hat. Das Ergebnis nun als antiamerikanisch zu bezeichnen, zeigt nur, dass die USA ein schlechter Verlierer sind. Wenn Washington den Wettbewerb, eine der wichtigsten Maximen des American Dream, zum eigenen Vorteil auszuhebeln versucht, kann es nicht mehr mit Europa rechnen. Wettbewerb belebt das Geschäft. Auch das politische. Die Zeiten, in denen Europa, wie man früher sagte, "auf Gedeih und Verderb" zu den Amerikanern halten musste, sind vorbei. Selbstverständlich will auch Peking mehr globalen Einfluss. Doch nun haben die Europäer die Wahl. Und das ist gut so.

Washington muss jetzt überdenken, ob es noch zeitgemäß ist, dass der Weltbankpräsident vom US-Präsidenten ausgesucht wird, weil die USA faktisch ein Vetorecht haben. Und Peking muss zeigen, dass es bescheidener ist, nachdem es die USA wegen deren Allmacht stets kritisiert hatte.

Die krachende Niederlage für Washington zeigt, dass die USA die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Präsident Obama hätte auf seiner Asienreise im vergangenen Herbst genauer hinhören sollen, als er forderte, China müsse mehr internationale Verantwortung übernehmen und sich an die globalen Spielregeln halten. Er hätte sich die skeptischen Gesichter merken sollen, die er bei den Nachbarn Chinas gesehen hat, die unter der Großmacht leiden. "An den Spielregeln, die ihr im Westen aufgestellt habt, haben wir kein Interesse", lautete deren Antwort.

Chinas Weltbank ist ein Ergebnis des großen Wunsches nach Selbstbestimmung. 27 Länder sind dabei. Und dies ist nur ein Schritt in einer Entwicklung, die sich nicht mehr umkehren lässt.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: sieren@handelsblatt.com

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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