Sierens Welt

Keine guten Manieren

Die Diskussion um den in Peking gegen Chinesen pöbelnden Daimler-Manager zeigt, dass wir die gegenseitigen Ressentiments nicht unterschätzen dürfen. Die guten Manieren werden schnell vergessen – auf beiden Seiten.
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.
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Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit über 20 Jahren in Peking.

PekingDas ist schon selten dämlich als Ausländer gleich alle Chinesen zu beschimpfen, in einem Streit mit einem Chinesen, um einen Parkplatz in Peking und sie dann auch noch „Bastarde“ zu nennen. So etwas darf eigentlich nicht passieren und schon gar nicht dem Präsidenten und CEO der chinesischen Sparte von Daimler. Andererseits kann so etwas im Affekt schon mal vorkommen, in China ebenso wie in Deutschland, unter Chinesen ebenso wie unter Deutschen. Und eben auch zwischen Deutschen und Chinesen.

Meist jedoch bereuen die Streithähne in so einem Fall schnell, was ihnen rausgerutscht ist, entschuldigen sich und die Sache ist damit erledigt. Auch der deutsche Manager hat sich längst in Anwesenheit der Polizei entschuldigt.

Die Geschichte über den pöbelnden Daimlermanager wurde über 13 Millionen Mal auf Weibo (Chinas Twitter) gelesen und 8500 Mal kommentiert. Quelle: dpa
Daimler in China

Die Geschichte über den pöbelnden Daimlermanager wurde über 13 Millionen Mal auf Weibo (Chinas Twitter) gelesen und 8500 Mal kommentiert.

(Foto: dpa)

Dass Daimler den Mann nun von seinem Job abzieht, ist im Grunde schon zu viel des Guten. Es sei denn, dies war aus Sicherheitsgründen notwendig: Denn die Geschichte wurde über 13 Millionen Mal auf Weibo (Chinas Twitter) gelesen und 8500 Mal kommentiert.

Einige chinesische Reaktionen sind ebenfalls eine Entschuldigung wert: Zunächst einmal ist es nicht in Ordnung, dass Name, Adresse, Telefonnummer und Fotos des Daimler-Managers ins Netz gestellt werden – eine Einladung zur Lynchjustiz. Es ist auch unverschämt, zum Boykott von Mercedes Fahrzeugen aufzurufen. Und Netzkommentare wie folgender in der „Shanghai Daily“ gehen überhaupt nicht: „Glücklicherweise mussten die Pekinger nur ein Jahr mit diesem kranken, weißen Tier zusammenleben“. Das ist leider kein Einzelfall.

Sicherlich ist es überzogen, in diesem Fall von einer konzertierten, politischen Aktion des chinesischen Staates zu sprechen, um Vertreter deutscher Unternehmen gefügig zu machen. Eine gewisse Fahrlässigkeit jedoch muss man schon konstatieren. Denn solche Kommentare sind nicht unvermeidbar in einem Land, das sich rühmt, ein „gemanagtes Internet“ zu haben, was bedeutet, dass unliebsame Kommentare sofort gelöscht werden. Im Umkehrschluss heißt das: Der „weißes Tier“-Kommentar ist offensichtlich nicht unerwünscht – schon ein wenig erschreckend.

Wenn Unternehmen um Verzeihung bitten müssen
Abgas-Skandal bei VW
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„Eigentlich“ sollte alles anders sein bei Volkswagen in diesen Tagen. Der Wolfsburger Autobauer verzichtete auf eine Anzeige zum Jubiläum der Deutschen Einheit und platzierte stattdessen in zahlreichen deutschen Medien – unter anderem im Handelsblatt – diese Anzeige. „Wir werden alles tun, um ihr Vertrauen zurückzugewinnen“, versprach der Konzern.

Abgas-Skandal bei VW
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Nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals hatte sich der damalige Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn in einer persönlichen Video-Botschaft an die Öffentlichkeit gewandt. „Die schnelle und umfassende Aufklärung hat höchste Priorität. Das sind wir unseren Kunden, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit schuldig. Ich entschuldige mich in aller Form bei unseren Kunden, bei den Behörden und der gesamten Öffentlichkeit für das Fehlverhalten“, heißt es unter anderem in Winterkorns Statement. „Ich gebe Ihnen mein Wort. Bei alledem werden wir mit der größtmöglichen Transparenz und Offenheit vorgehen.“ Kurz darauf trat Winterkorn von seinem Amt zurück.

Tepco und die Fukushima-Katastrophe
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Tiefe Verbeugungen gelten in Asien als anerkannte Geste der Entschuldigung – so auch nach der Fukushima-Katastrophe im Frühjahr 2011. Masataka Shimizu, Chef des Kraftwerksbetreibers Tepco, entschuldigt sich beim japanischen Volk für den Nuklearunfall, der erhebliche Auswirkungen auf die Atompolitik der gesamten Welt hatte.

Tepco und die Fukushima-Katastrophe
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Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Tepco die Wartung der Fukushima-Anlage vernachlässigt hatte. Die Bevölkerung lehnte die Entschuldigung des Unternehmens weitgehend ab. Tepco-Chef Shimizu trat daraufhin im Mai 2011 zurück.

Bilanzskandal bei Toshiba
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Geschönte Zahlen bei Toshiba sorgten im April 2015 für internationales Aufsehen. Der japanische Elektronikkonzern hatte seine Bücher um umgerechnet 1,13 Milliarden Euro geschönt. Die Toshiba-Führungsetage um Hisao Tanaka (M.) bat daraufhin die Öffentlichkeit medienwirksam um Verzeihung.

Bilanzskandal bei Toshiba
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Tanaka allerdings wusste seit Jahren von den gefälschten Bilanzen – und trat daraufhin im Juli 2015 von seinem Amt zurück. Insgesamt kostete der Bilanzskandal acht führenden Managern den Job. Toshiba hatte vorsätzlich über Jahre einen zu hohen operativen Gewinn angegeben.

Schmiergeldskandal bei Siemens
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Die Schmiergeldaffäre bei Siemens hatte nicht nur personelle Konsequenzen zur Folge, sondern hinterließ auch einen bleibenden Imageschaden, den der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher mit Transparenz relativieren wollte. „Alles, was ich über dieses Thema weiß, hat bei mir persönlich den Eindruck erweckt, dass hier ein merkwürdiges und fehlgeleitetes Verhalten Platz gegriffen hat. Soweit dieses Verhalten aus der Mitte unseres Unternehmens genährt worden ist, möchte ich mich dafür ausdrücklich entschuldigen – bei den Betriebsräten, bei der Belegschaft und bei der IG Metall“, soll Löscher bei einer Betriebsräteversammlung gesagt haben.

Immerhin haben maßgebliche Blätter wie die staatliche „Global Times“ vernünftig reagiert: Das ansonsten gerne polarisierende Blatt lässt in seinem Artikel nur einen Mercedes-Kunden zu Wort kommen, der zwar fordert, der Manager solle bestraft werden, aber von einem „privaten Einzelfall“ spricht, welcher die Marke Mercedes „nicht berühren sollte“. Ein Leserkommentar wiederum fordert jedoch, all die „deutschen Nazi-Autos zu verbrennen.“

Erschreckend an diesem Streit ist vor allem eines: Die gegenseitigen Ressentiments zwischen Deutschen und Chinesen lassen sich offensichtlich leicht hervorlocken. Die guten Manieren sind dann schnell vergessen – leider auf beiden Seiten.

Unser Korrespondent der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit mehr 20 Jahren in Peking.

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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