Sierens Welt
Konsumistische Partei Chinas

Unser Kolumnist ist einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Frank Sieren sagt: China könnte die Stufe des traditionellen Produkt-Konsums überspringen, steht sich aber selbst im Weg.
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Es klingt wie an den Haaren herbeigezogen. Aber in diese Richtung werden wir uns bewegen müssen: Wir könnten uns zum Beispiel gegenseitig für viel Geld Geschichten erzählen, um eine höhere Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung zu erreichen. Die ressourcenschonende Konsumindustrie, würde dann einen neuen Schwerpunkt der Wirtschaft unseres Landes ausmachen. Konsum, der ohne seltene Erden, Wasser, Fracking und mit möglichst wenigen Produkte auskommt. Immaterieller Kaufrausch wie bei Massagen, Glückspiel, Fasten, Fitnesstraining oder Fürbitten für 250 Euro die Stunde wären dann im Zentrum der wirtschaftlichen Entwicklung. Womöglich wird Beten eines Tages als die älteste Form des produktlosen Konsums gelten.

Soweit sind wir noch lange nicht. Angekommen wären wir, wenn in der Friedrichstraße in Berlin teure Geschichtenerzähl-Boutiquen eröffnet hätten und eine Kundin der anderen erzählt: Ich habe mir heute eine Geschichte von der „Bunten“ für 1850 Euro erzählen lassen. Stattdessen kaufen wir noch Handtaschen und Smartphones und produzieren noch jede Menge Waren selbst.

Die Chinesen kommen gar nicht darum herum, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Denn es ist unmöglich, für die chinesische Bevölkerung so viel konsumiert, wie wir bisher im Westen. Dafür reichen die weltweiten Ressourcen nicht aus.

China müsste eigentlich von der Fabrik der Welt gleich in die Phase des ressourcenlosen Konsums eintreten. Leapfrogging nennt man das Neudeutsch. Das alte China würde neue Geschichte gestalten und nicht immer nur den Westen nachahmen.

Doch wie soll das gehen, mit Chinesen, die bei Louis Vuitton Schlange stehen, um Luxusprodukte einzukaufen. Sie zur fortschrittlichen Vernunft zu bringen, ist selbst für die Kommunistische Partei nicht einfach. Obwohl man den ressourcenlosen Konsum durchaus noch in den historischen Materialismus hineindenken könnte. Er beschäftigt sich ja mit dem Kampf um die Einheit der Gegensätze.

Die Antikorruptionskampagne von Staats- und Parteichef Xi Jinping könnte den neuen Zeiten ebenfalls den Weg weisen. Besorgt um die Stabilität seiner Partei hat Xi den KP-Mitgliedern verboten, sich mit teuren Handtaschen, Weinen und Autos zu zeigen. Die Alternative des ressourcenschonenden Konsums hat er ihnen bisher leider nicht eröffnet.

Stattdessen bremst die Antikorruptionskampagne sogar den Übergang Chinas von der Produktion zum Konsum, vom Staatsbetrieb zur Boutique also. Im Vergleich zum Westen wird in China zu viel produziert und zu wenig konsumiert.

Auch der teure chinesische Yuan könnte dem neuen Konsum auf die Beine helfen. Das chinesische Geld ist an den starken Dollar gekoppelt. Damit sind der Euro und der japanische Yen so billig wie nie. Die Chinesen konsumieren inzwischen lieber in Japan und Europa. Ein Worst Case in Chinas Konsumgeschichte zeichnet sich schon ab: Die Chinesen kaufen im Ausland Produkte, die nicht mehr in China hergestellt werden, weil sie wegen des Wechselkurses zu teuer sind.

So ist das mit Theorie und Praxis von guten Ideen. Statt Leapfrogging in produktarme Konsumzukunft, traditionelle Reformen im Schneckentempo. Statt die Chance zu sehen, hängen Chinas Wirtschaftspolitiker in dieser Übergangsphase gedanklich fest. Sie sind zu sehr im traditionellen Konsumdenken verhaftet. Je früher Peking einsieht, dass es so nicht weiter geht, desto besser. Sie müssen umweltschonende Konsumformen entwickeln, die nur in China möglich sind, so attraktiv, dass Menschen aus aller Welt nach China kämen, um dort ihr Geld auszugeben. Ein weltumspannender Ich-bin-dann-mal-Weg Aufbruch nach China.

Eigentlich wäre das unsere Aufgabe im Westen die nächste Konsumstufe zu entwickeln. Doch wir sind noch vollauf damit beschäftigt, unsere gewöhnlichen Kaufbedürfnisse und die der Chinesen zu stillen. Die Kommunisten werden den Reformdruck eher spüren als wir. Und dann wird die KP, der Global Player für langfristige Massenbewegungen, das Steuer herumreißen müssen. Sogar ihren Namen könnte die Partei dabei modernisieren: Die Konsumistische Partei Chinas.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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