Sierens Welt
Labile Normalität

Es ist eine kleine Sensation: Der chinesische Künstler Ai Weiwei stellt wieder in Peking aus. Der Staat und er haben einen Modus Vivendi gefunden, meint Frank Sieren. Trotzdem darf Weiwei nicht nach Deutschland reisen.
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Es ist eine kleine Sensation, die davon lebt, dass man sie nicht herausposaunt. Ein Ereignis, das keine Aufregung verträgt, kein Geschrei, dem vielmehr eine gewisse Selbstverständlichkeit gut tut:  Der chinesische Künstler Ai Weiwei stellt wieder in Peking aus. Es sind gleich mehrere Ausstellungen und seine erste Einzelausstellung in China seit Jahren. Und sie sind nicht etwa in einer Tiefgarage zu sehen, sondern im 798, dem bekanntesten Künstlerviertel Chinas, den Bauhaus inspirierten Fabrikhallen, die in der Mao-Zeit von den Russen nach deutschen Plänen erbaut wurden.

Das Verhältnis zwischen Ai Weiwei und dem chinesischen Staat entspannt sich. Eine labile Normalität. "Es ist Zeit, die Seite über die politische Kontroverse mit ihm umzuschlagen“, schreibt die staatliche Tageszeitung Global Times. Das bedeutet nicht, dass der Staat so denkt, sondern nur, dass es nicht mehr so riskant ist, dies so zu schreiben.

Der Konflikt um Ai Weiwei könnte ein Modell werden, wie der chinesische Staat sich mit Menschen arrangiert, die er für unliebsam, für Störenfriede hält. Deshalb ist die Geschichte von Ai und den Sicherheitsbehörden weit über den Bereich der Kunst hinaus interessant.

Die Auseinandersetzung von Ai Weiwei und dem Staat ist eine Geschichte, in der zwei Welten erst einmal ungebremst und unversöhnlich aufeinander geprallt sind.  Lange verharrten der sture Staat und das aufmüpfige Opfer unversöhnlich, um sich dann doch langsam zu verständigen und nun einen Modus zu finden, in dem beide leben können. Einen Modus Vivendi. Es ist die vorläufige Regelung einer Streitfrage, die womöglich dauerhaft Bestand hat. Das war nicht abzusehen:

Ai Weiwei wurde so verprügelt, dass er schwer verletzt war. Er musste sein Atelier auf eigene Kosten abreißen, wurde an der Ausreise gehindert, im April 2011 dann verhaftet und in einem Hotelzimmer interniert. Steuerhinterziehung wurde ihm vorgeworfen: „Provokante Menschen wie Ai Weiwei muss man im Zaum halten“, fasst damals ein Sprecher des Außenministeriums die Haltung des Staates zusammen.

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