Sierens Welt
Macht Eure Hausaufgaben!

Die große Bedeutung Chinas für die Weltpolitik hat Helmut Schmidt schon vor 50 Jahren erkannt. Damit Europa nicht noch weiter an Macht verliert, müssen wir Schmidts Vermächtnis ernst nehmen, meint Frank Sieren.
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PekingVieles hat Helmut Schmidt in seinem langen Leben über- oder unterschätzt. Die Bedeutung Chinas jedoch nicht. Deshalb hat er sich seit den fünfziger Jahren bis wenige Tage vor seinem Tod mit dem Reich der Mitte beschäftigt. Der Konfuzianismus hat ihn fasziniert, der bereits vor 2100 Jahren als Staatslehre eingeführt wurde. Eine umfassende Ethik, die auf Vernunft gegründet ist, nicht auf Religion. Warum China als einzige alte Hochkultur nicht zusammengebrochen ist, hat ihn umgetrieben.

Vor allem jedoch hat er sich gefragt, wie der Wiederaufstieg Chinas unser westliches Leben verändern wird. Deshalb ist er als Bundeskanzler 1975 noch zu Mao gereist. „Er war ein Mensch, den man nicht vergisst“, sagte Schmidt über Mao. „Außerordentlich impulsiv. Charismatisch, sehr begabt, klug, aber Vernunft war seine Stärke nicht.“

Interessanter wurde China für Schmidt als Deng Xiaoping, ein Pragmatiker Ende der Siebziger Jahre die Macht übernahm. Schmidt gewann in den Achtzigern das Vertrauen des großen Reformers. In den Neunzigern entstand sogar eine Freundschaft mit Ministerpräsident Zhu Rongji, den er 2012 bei seinem letzten Besuch in Peking noch einmal traf. Zuletzt besuchte ihn Staats- und Parteichef Xi Jinping im vergangenen Jahr in Deutschland.

In all diesen Begegnungen wurde Schmidt immer deutlicher, dass die großen Zeiten des europäischen Westens vorüber sind. Schon Mitte dieses Jahrhunderts, warnte Schmidt bis zuletzt, werden die Europäer nur noch sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Bis zum Jahr 1950 stellten sie zwei Jahrhunderte lang zwanzig Prozent der Weltbevölkerung dar.

Auch in diesem Zeitraum schien es schon unwahrscheinlich, dass die Europäer bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Spielregeln der Welt bestimmen würden, um den Stab dann an die Amerikaner weiterzureichen. Nun wird es immer unwahrscheinlicher, dass dies dem Westen in Zukunft noch gelingen kann. Vor allem wenn wir die globale Entwicklung an einem Maßstab messen, den wir selbst erfunden haben: One man, one vote.

Damit uns das klar wird, hat Schmidt uns bis zuletzt provoziert: „Ich würde für die Menschenrechte in meinem eigenen Staat notfalls auf die Barrikaden gehen“, sagte er, „aber ich habe nicht das Recht, anderen Menschen in anderen Ländern öffentlich Ratschläge zu geben, wie sie die Menschenrechte verwirklichen.“ Und noch knapper: „Es gibt keine universellen Menschenrechte, sie wurden vom Westen erfunden.“

Das ist natürlich kein Aufruf, gleichgültig gegenüber Diktatoren zu sein. Schmidt wollte uns vielmehr mit der Nase auf eine Entwicklung zustoßen, mit der wir uns je früher desto besser beschäftigen sollten: Die neuen Machtverhältnisse zwingen uns, mit Ländern wie China gemeinsame Spielregeln auszuhandeln. Nicht nur, aber sogar auch in Fragen der Menschenrechte.

Wie nötig seine Provokation ist, zeigt der desolate Zustand Europas: Nur, wenn wir mit einer Stimme sprechen, nur als starkes Europa haben wir überhaupt noch eine Chance, die neuen Spielregeln der Welt mitzugestalten. Das ist sein Vermächtnis. Die Nachrufe über Schmidt sind wertlos, wenn wir uns nun nicht an die Hausaufgaben machen, die er uns hinterlassen hat. Die Frage, wie es ohne Helmut Schmidt weitergeht, hat er bereits selbst beantwortet.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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