Sierens Welt
Neue Koalition

Die Entscheidung ist von historischer Tragweite: Die Amerikaner lassen nach jahrelangem Zögern China in den IWF – allerdings auf Kosten der Europäer. Ein Pyrrhussieg, meint Frank Sieren.
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Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird von den USA dominiert. Das war jahrelang sinnvoll, da Amerika die größte Volkswirtschaft ist und die Weltwährung stellt. Zumindest, wenn man davon ausgeht, dass der IWF die globalen Machtverhältnisse widerspiegeln sollte. Sollte er aber gar nicht. Die Uno-Sonderorganisation war als Korrektiv gedacht. Der IWF hilft Ländern, die in Geldnot geraten sind, auf die Beine. Die Hilfen sind jedoch mit Auflagen verbunden. Und selbstverständlich setzt die amerikanische Regierung Auflagen durch, die den USA nutzen. Lange gelang das mühelos. Sie haben die Einzelmehrheit der Stimmrechte: Über 16 Prozent, gefolgt von Japan mit über sechs Prozent und Deutschland mit knapp sechs. Die Amerikaner haben allein eine Sperrminorität, die Europäer nur gemeinsam. Der IWF sitzt zudem in Washington. Auch bei den Guthaben der globalen Hilfsbank ist klar, wer bestimmt: knapp 42 Prozent für den US-Dollar. Gut 37 Prozent für den Euro. Gut elf Prozent für das britische Pfund.

In den vergangenen Jahren jedoch sind die Machtverhältnisse unter Druck geraten. China und der Yuan werden immer wichtiger. Der amerikanische Kongress hat lange versucht, den Einfluss Pekings im IWF zu verhindern. Bei den Stimmrechten ist ihm das bis heute gelungen. Bei den Verrechnungsguthaben in der Bank hingegen mussten die Amerikaner nun nachgeben und konnten sich dennoch behaupten: Peking kommt zwar mit knapp elf Prozent neu ins Spiel. Allerdings auf Kosten der Europäer. Während die Mehrheit der Amerikaner nur um 0,2 Prozent sinkt, müssen die Europäer von ihrem sowieso schon geringeren Anteil noch einmal 6,5 Prozent abgeben.

Die Zementierung der amerikanischen Macht, der gleichzeitige Einstieg der Chinesen in die Organisation und der Einflussverlust für den Euro nach nicht einmal 15 Jahren im IWF garantieren der Entscheidung einen Platz in den Geschichtsbüchern. So wie 2008 die Umstellung vom G8 Gipfel der sieben führenden Industrienationen und Russland auf das G20 Treffen mit den wichtigsten Schwellenländern und Peking als mächtigstem Spieler.

Diesmal haben die Amerikaner den Angriff auf ihre Macht im IWF noch einigermaßen abgewehrt. Es ist jedoch ein Pyrrhussieg. Denn Washington kann nicht verhindern, dass die Europäer und die Chinesen gemeinsam die Ziele der USA blockieren können. Bei den Guthaben im IWF haben sie nun sogar eine Mehrheit. Zusammen mit den Briten erst Recht. Und die Briten folgen inzwischen williger dem, was Peking will, als dem was Washington wünscht. Peking kann also jetzt mehr denn je mit Brüssel zusammen etwas bewegen.

Washington unterschätzt, wie sehr sich die Interessen der Europäer und der Chinesen decken, wenn es um globale Geldströme geht. Beide wollen ein stabiles Weltfinanzsystem mit klaren Spielregeln und fairen Chancen für viele. Das riskante, spekulative System zu Gunsten des US-Dollar und der Wall Street soll so schnell wie möglich Geschichte werden. Im IWF sind China und Europa nun gezwungen, globale Koalitionen zu üben. Eine Übung, die auch auf andere globale Themen und Institutionen abfärben kann, wenn sich beide erst einmal daran gewöhnt haben. Die Machtkämpfe im IWF werden nun also spannender denn je für die neue Weltordnung.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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