Sierens Welt
Panik im Pool

Unser Kolumnist ist einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er sagt: Der Grund für die chinesische Börsenkorrektur liegt auf der Hand. Zu viele Nichtschwimmer im Schwimmerbecken.
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Im Schwimmbad gestern Abend habe ich endlich verstanden, was es mit dem Börseneinbruch in China auf sich hat: Ich habe mir die Investoren an den chinesischen Börsen einfach als eine Schulklasse im Schwimmerbecken vorgestellt. Sie hat gerade erst Schwimmen gelernt und rudert nun hilflos herum. Da der Unterschied zwischen Spaß und Angst nicht offensichtlich ist, folgt ihnen nun die halbe Schule.

Die Schüler stürmen ins Becken. Sie wollen sich auch abkühlen und springen deshalb um die Wette ins kalte Wasser. Niemand denkt in diesem Moment daran, wieviel er sich zumuten kann. Die Sehnsucht nach Spaß und Erfrischung bei 37 Grad ist größer als die Vorsicht. Es wird eng im Bad. Die schlechten Schwimmer schlagen daher nervös um sich. Selbst diejenigen, die gut schwimmen können, werden von den hilflos Rudernden mitgerissen. Panik bricht aus. Alle wollen plötzlich gleichzeitig raus aus dem Becken. Jetzt wird es gefährlich.

Jetzt handeln die lässigen Bademeister endlich. Niemand darf mehr ins Wasser. Sie ziehen die Schwachen aus dem Wasser, untersuchen den ein oder anderen, der schon untergegangen war. Denen in der Mitte des Beckens werfen sie Rettungsringe zu. Das Schwimmbecken wird kurzfristig geschlossen.

Sie teilen das Becken in Bereiche für gute, mittelmäßige und schlechte Schimmer und begrenzen die Zahl derjenigen, die gleichzeitig ins Becken dürfen. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt. Die Gefahr war auch nicht sehr hoch. Es waren ja genug Bademeister vor Ort.

Die Gaffer, die aus dem ganzen Schwimmbad zusammengelaufen waren hingegen haben die Rettungsarbeiten behindert. Und sie haben dazu noch fleißig Gerüchte gestreut: Der Bürgermeister wird darüber stürzen. Seine Partei hat das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Dennoch war während der gesamten Rettungsaktion eine Massenpanik im Schwimmbad sehr unwahrscheinlich.

Überhaupt kommt niemand, außer vielleicht ein paar Lokaljournalisten überhaupt auf die Idee, dass das nun auch in anderen Schwimmbädern passieren wird. Nein, es ist eine ungewöhnliche, einzigartige Konstellation gewesen. Kaum jemand jedoch würde den Bademeistern in der Stunde der Not vorwerfen, ihr Versprechen zu brechen, dass man im Schwimmerbecken frei schwimmen darf. Das wäre wirklich an den Haaren herbeigezogen.

Selbst Menschen, die für viel Freiheit sind, würden die Bademeister nicht anklagen, die Schwimmer entmündigt zu haben, nur weil sie das Becken gesperrt haben. Einige Vertreter der Opposition würden dem Bürgermeister vielleicht vorwerfen, er habe doch gesagt, das Schwimmbad sei ein Modell für die ganze Region, als er es vor einigen Wochen besucht hat. Kaum jemand würde auf sie hören.

Kommentare zu " Sierens Welt: Panik im Pool"

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  • Herr Sieren,

    ein trefflicher Vergleich!

    Aber Sie haben einen Kolumnisten-Kollegen (C. Bruns) der am liebsten alle (Schwimmer, Nichtschwimmer, Bleienten) sofort ins Becken lassen will und diejenigen , die nicht ins Becken wollen, gerne zwangsweise hineinschubsen würde.

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