Sierens Welt
Prosperierendes Reservat

Während Brüssel mit sich selbst und seinen Krisen beschäftigt ist, baut Peking Osteuropa aus. Die Länder machen gemeinsame Sache, weil die EU ihnen zu wenig Respekt entgegenbringt, meint Frank Sieren.
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PekingTerroristen, Flüchtlinge, Griechenland. Da können sich Brüssel, Paris oder Berlin nicht jetzt auch noch mit den wirtschaftlichen Sorgen der osteuropäischen Staaten beschäftigen, mit ihrem Gefühl, vernachlässigt zu werden. Osteuropa nun allein zu Haus? Nein. Ein Land, das kaum weiter weg sein könnte, steht ihnen auch jetzt zur Seite: China.

Das muss man sich einmal vorstellen: Während Europa zum Bersten gespannt ist, veranstaltet Peking in dieser Woche einen Gipfel für 16 osteuropäische Staaten – und alle kommen. Sie hätten ja auch sagen können: Jetzt nicht. Lass uns den Gipfel verschieben. In Europa ist der Teufel los. Peking hätte dafür Verständnis gehabt. Aber nein.

Sie reisen alle an, der polnische Präsident Andrzej Duda ebenso wie der tschechische Premier Bohuslav Sobotka. Der spricht sogar schon davon, den „Vorsprung von Deutschland, Frankreich und Großbritannien in den Beziehungen mit China einzuholen“. Wovon er nicht spricht, ist jedoch viel wichtiger: Peking soll helfen, den Vorsprung der Länder in Europa zu schmälern.

Weil sie in Europa nicht mitspielen dürfen, weil Europa kein Geld für sie hat, weil sie Brüssel als arrogant empfinden, reisten sie gerne zu ihren neuen Freunden. In der Delegation Vertreter von sechs osteuropäischen Ländern, die nicht in der EU sind. Es ist schon der vierte Gipfel mit den Chinesen, jedoch der erste in China.

Premier Li Keqiang kam mit seinen Kollegen gleich ins Gespräch, denn sie ärgern sich über das gleiche. Peking wird ebenso wie die 16 Staaten von Brüssel ignoriert, abgefertigt oder gepiesackt. Es geht dabei nicht nur um Geld, sondern auch um Achtung und Respekt. Den gibt es nun ausgerechnet von den Chinesen, die eigentlich auch Besseres zu tun hätten. Doch sie denken anders als Brüssel langfristig.

Pekings Politiker helfen Osteuropa natürlich nicht, weil sie gerade ihre sozialtherapeutische Ader entdeckt haben, sondern sie haben anders als Brüssel einen großen Plan. China und Europa sollen durch eine neue Seidenstraße miteinander verbunden werden. Das hilft Peking, die Überkapazitäten der chinesischen Bauunternehmen abzubauen, kurbelt den Handel an und bringt neue politische Freunde, die in Brüssel auch mal ein gutes Wort für sie einlegen – wenn es denn überhaupt noch sein muss. Deshalb die vielen Infrastrukturprojekte.

Allein in Rumänien helfen die Chinesen mit etwa einer Milliarde Dollar für ein neues Kohlekraftwerk aus. Und zwei neue Atomkraftwerke werden gebaut. In Serbien modernisieren die Chinesen ein Wärmekraftwerk. Dort ist auch die erste von Chinesen gebaute Brücke in Europa längst eröffnet. Die Zugstrecke von Belgrad nach Budapest wird nun modernisiert. Und im Baltischen Meer, der Adria und dem Schwarzen Meer werden nun die Häfen ausgebaut.

Brüssel ärgert das. Peking spalte Europa, so der Vorwurf. Wettbewerb belebt das Geschäft, lautet die kurze Antwort aus Peking, das habt ihr doch immer gepredigt. Der kürzlich verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt hat noch Monate vor seinem Tod gesagt: „In diesem Jahrhundert steht das Überleben der europäischen Zivilisation auf dem Spiel“. Peking jedenfalls hilft schon mal aus und schafft ein prosperierendes Reservat für die Osteuropäer.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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