Sierens Welt
Tabubruch in Taiwan

Für das Treffen mit dem taiwanesischen Präsidenten Ma braucht Chinas Präsident Xi sehr viel Fingerspitzengefühl. Gegenüber den Konservativen zu Hause und auch gegenüber Taiwans Jugend, meint Frank Sieren.
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PekingChinas Präsident Xi Jinping ist immer für eine Überraschung gut. Am Samstag bricht er ein Tabu, das Chinas Kommunisten noch viel heiliger war als die Ein-Kind-Politik. 66 Jahre lang galt es als undenkbar, dass sich ein chinesischer Präsident mit dem Taiwans trifft. Denn das hätte bedeutet, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, von Staat zu Staat gewissermaßen. Das war jedoch bisher ein No-Go für Chinas Kommunisten. In Peking gilt Taiwan als abtrünnige Provinz.

Xi jedoch schert sich darum nicht. Am Samstag trifft er Taiwans Präsidenten Ma Ying-jeou in Singapur. Das ist beeindruckend. Die Macht, diese geschichtliche Last abzuwerfen, muss man erst einmal haben. Ab 1927 kämpften die kapitalistischen Nationalisten und die Kommunisten in einem erbitterten Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in China. Nur als die Japaner über China herfielen, bildeten beide eine brüchige Einheitsfront, die jedoch 1946 sofort zerbrach, als Japan kapitulierte.

Lange galten die Nationalisten als Favoriten für die Macht in China. Doch mit der Landbevölkerung im Rücken und viel Glück gelang es Mao Zedong, das Ruder am Ende herumzureißen. Die Nationalisten mussten nach Taiwan fliehen, der Kommunist Mao regierte China.

Das passte dem Westen gar nicht. Bis in die 70er-Jahre unterhielt Washington diplomatische Beziehungen zu Taiwan. 1959 zerstritt sich Mao auch noch mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow. Er hielt ihn für ein Weichei.

Nun war China weitgehend isoliert, bis es 1972 zu einer Sensation kam: die USA nährte sich China noch während der Kulturrevolution an. Und es kam noch verrückter: Nicht etwa Mao, der starke Mann eines schwachen Landes, musste nach Washington reisen, sondern der US-Präsident Richard Nixon, der mächtigste Mann der Welt, macht ihm die Aufwartung in Peking. Eine große, wenn auch späte Genugtuung für Mao.

Nixons Sinneswandel war einfach: Ein Feind der Sowjetunion ist ein Freund der USA. Washington umarmte Peking, um die Sowjetunion einzukreisen. Dass Taiwan dabei durch den Rost viel, nahm Nixon in Kauf. Der faule Kompromiss: Washington bekennt sich zur Ein-China-Politik, steht Taiwan aber zur Seite, sollte China die Insel angreifen.

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