Sierens Welt
Wider die Reflexe

Chinas Rüstungsetat sollte uns keinen Anlass dazu geben, maßlos zu übertreiben, meint Frank Sieren
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Ein Journalismus auf Autopilot. Das ist mein Eindruck, wenn ich alle Jahre wieder die Reaktionen auf den Rüstungsetat der Chinesen lese: "China zeigt Zähne", "gefährliches Aufrüsten" oder "auftrumpfende Großmachtpolitik".

Mit der Wirklichkeit haben die Texte nur bedingt zu tun, wenn man sich zum Beispiel die jüngsten Zahlen des renommierten Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri anschaut. China gibt, am jeweiligen Bruttoinlandsprodukt gemessen, weniger für Rüstung aus als die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich oder Indien. Und das, obwohl Chinas Armee sehr rückständig ist. Die Rüstungsausgaben der USA sind viermal so hoch, dabei hat, an der Kaufkraft gemessen, die chinesische Wirtschaft die amerikanische inzwischen überholt.

China ist nicht einmal der größte Waffenkäufer der Welt. Das ist Indien. Die Inder haben zwischen 2008 und 2013 so viele Waffen gekauft wie China, Pakistan und Saudi-Arabien zusammen. Eine Volkswirtschaft übrigens, die fünfmal kleiner ist als die chinesische. Wenn schon Autopilot, dann bitte China durch Indien ersetzen.

Indien kann überall einkaufen. Die Chinesen nicht. Die USA liefern ihnen nichts. Die Russen liefern, sind aber vorsichtig, was sie dem mächtigen Nachbarn geben. Die Deutschen, immerhin drittgrößter Waffenproduzent der Welt, haben seit 1989 ein Waffenembargo gegen China. Frankreich immerhin liefert. Doch Chinas größter Waffenlieferant, die Ukraine, ist in Schwierigkeiten. Pekings Spielraum für Waffenkäufe hat sich im vergangenen Jahr also verringert.

Peking ist deshalb gezwungen, eigene Waffensysteme zu entwickeln. Selbst wenn man das eine oder andere klaut, dauert das länger als erhofft, wie man an den Waffenexporten sieht. China verkauft weniger Waffen als die Deutschen.

Was ist mit der Schattenrüstung? Fachleute gehen davon aus, dass die tatsächlichen Ausgaben Chinas um 50 Prozent höher liegen. Das ist sehr wahrscheinlich, gilt aber auch für Indien, Russland und die USA. Und: Die westlichen Militärattachés sind sich weitgehend einig: China ist noch nicht in der Lage, andere Länder anzugreifen.

Klar ist aber auch, dass sich das ändern wird. Deshalb muss man China kritisch im Auge behalten. Dazu kann es nützlich sein, die Zahlen beiseitezuschieben und zu fragen: Wäre es für Peking politisch sinnvoll, auch nur einen kleinen Krieg anzuzetteln? Die Antwort lautet: nein. Alle Nachbarn Chinas, die großen wie Japan, erst recht aber die kleinen wie Vietnam oder die Philippinen, sind wirtschaftlich so abhängig von China, dass es für Peking schnellere und billigere Möglichkeiten gibt, sie zu bestrafen: Sie dürfen nichts mehr in China produzieren oder verkaufen.

Aber könnte nicht auch eine Situation eintreten, in der sich das Militär nicht darum schert, was die Politik will? Das ist sehr unwahrscheinlich. In der jüngsten Volkskongress-Rede von Chinas Premier Li Keqiang kam das Militär erst auf Seite 37 von 39 Seiten vor. Für die Generäle war das wahrscheinlich bitter. Solange China nicht angegriffen wird, haben sie weniger zu sagen denn je. Die Sache ist also etwas vielschichtiger, als einige Kritiker denken, die reflexhaft auf neue Rüstungszahlen aus Peking reagieren.

Der Autor gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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