Sierens Welt
Wir Schnarchnasen

Die Deutschen haben den Transrapid totdiskutiert. Beim Aufbau von Chinas Magnetschwebebahnnetz spielt „Made in Germany“ deshalb keine Rolle. Wir haben eine Technologie beerdigt, die ihre besten Zeiten noch vor sich hat.
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PekingBei Siemens und ThyssenKrupp war der Transrapid stets das ungeliebte Kind. Bei Siemens, weil der ICE mehr Gewinn versprach. Bei Thyssen, weil die Magnetschwebahn nicht recht zu Stahlwerken und U-Booten passte. Und bei beiden, weil den Managern die endlosen politischen Debatten auf den Senkel gingen.

Gebaut wurde die Teststrecke in Schanghai vor allem, weil der damalige Premierminister Zhu Rongji das unbedingt wollte. Inzwischen ist die Debatte in Deutschland unversöhnt versiegt: Männerfantasie oder Hightechprodukt? Umweltschonender Ersatz fürs Flugzeug oder teurer Landschaftsverschandler?

Die Chinesen hingegen machen nun doch weiter. Bis 2020 soll neben den konventionellen Hochgeschwindigkeitszügen eine eigene Magnetschwebebahn für die Strecke Schanghai-Peking entwickelt sein, schon heute die profitabelste Strecke der Welt.

Gleichzeitig wird die Technik im kommenden Jahr als S-Bahn in Peking eingesetzt. Premier Zhu gilt nun als weitsichtig, während die Deutschen als diejenigen in die Geschichte eingehen werden, die die Magnetbahn erst totdiskutiert und dann eine Technologie beerdigt haben, die ihre besten Zeiten noch vor sich hat. Eine deutsche Erfindung übrigens: 1934 ließ der Ingenieur Hermann Kemper die Technik patentieren. Bereits vor 30 Jahren fuhr der Zug über 400 Stundenkilometer.

Der chinesische Schwebezug soll nunmehr 600 schaffen (was die Japaner schon können) und damit die Reise Peking-Schanghai auf zweieinhalb Stunden halbieren. Gleich mehrere Firmen arbeiten daran. Neben der China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC) springt auch BYD, der erfolgreichste E-Car Hersteller auf diesen Zug. Die Schwebebahn soll dem Unternehmen zusätzlich Erträge von knapp 15 Milliarden Euro bringen. Seit Oktober bereits fährt eine Testbahn. In spätestens drei Jahren muss sich die Technologie im Alltag bewähren und exporttauglich sein.

In Deutschland hat das alles länger gedauert: 1969 die ersten Forschungsgelder, 10 Jahre später die ersten Prototypen. 12 Jahre später die Anwendungsreife. Wieder 13 Jahre später fuhr der erste Transrapid in China, 2008 dann schließlich nach weiteren sechs Jahren die Auflösung von Transrapid International.

In den knapp vierzig Jahren haben wir viel hinbekommen: ein Magnetschwebebahnbedarfsgesetz (MsbG) eine Magnetschwebebahn-Lärmschutzverordnung (MbLschVO) und eine Magnetschwebebahn-Bau und Betriebsordnung (MbBO). Nur keine Transrapidstrecke.

Nein, wir sind keine Schnarchnasen. Wir sind halt gründlich und konsequent. Auch, wenn‘s ums Aufhören geht. Das schätzen unsere chinesischen Wettbewerber an uns, danken uns für die Vorarbeit und wünschen uns ein innovatives Jahr 2107.

Unser Korrespondent, der Bestseller-Autor Frank Sieren („Geldmacht China“), gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

Kommentare zu " Sierens Welt: Wir Schnarchnasen"

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  • „Die Deutschen haben den Transrapid totdiskutiert. (…) Wir haben eine Technologie beerdigt, die ihre besten Zeiten noch vor sich hat.

    Tja, dumm gelaufen. Leider typisch deutsch (@Herrn Junhua Zhang, 29.12.2016, 15:20 Uhr:
    Danke für Ihren ebenso aufschlussreichen wie auch für uns Deutsche immerhin etwas tröstlichen Kommentar!).

    Nüchterne Auseinandersetzung und vorausschauendes Handeln sind leider, wie es scheint, nicht so unsere Sache. Bürokratie schon eher:

    „In den knapp vierzig Jahren haben wir viel hinbekommen: ein Magnetschwebebahnbedarfsgesetz (MsbG) eine Magnetschwebebahn-Lärmschutzverordnung (MbLschVO) und eine Magnetschwebebahn-Bau und Betriebsordnung (MbBO). Nur keine Transrapidstrecke.“

    Oh Mann. Wie wär’s mal mit einer Überarbeitung der Reihenfolge (man kann übrigens vieles auch parallel machen, wenn Zusammenarbeit und Transparenz gegeben sind!)?

    Hier noch ein Beispiel dafür, was heute - in Zeiten von Blechlawinen, Dauerstaus, immer mehr zugepflasterten Böden und vor allem stetig weiter zunehmender Probleme mit Luftverschmutzung – bei den Transportmitteln sonst noch Zukunft haben dürfte:

    http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/bolivien-der-seilbahn-boom-in-den-anden-100.html

    http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Es-schwebt-es-schwebt-ndash-eine-Seilbahn;art4,2407767

  • Bis zum gewissen Grad liegt es gar in der Weitersichtigkeit der Chinesen oder Kurzsichtigkeit der Deutschen. Das autoritaere System macht es moeglich, in groesseren Projekten schneller und konsenquenter zu handeln, was sicherlich auch zum Erfolg fuehren koennte (wenn die Entscheidung auch wirklich gut ist). Ob das alles fuer die Bevoelkerung wirklich gut ist, ist eine nadere Sache. Offen wird eine Entscheidung in China getroffen, nicht wegen ihre Wirtschaftlichkeit (zumindest kurz- und mittelfristig), sondern wegen des Nationalimage bzw. Chinas Neu-Merkantilistischer Ambition (d.h. den globalen Markt zu erobern). Die liberal orientierten Staaten muessen gegenueber Chinas Staatskapitalismus eine neue Strategie entwickeln.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

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