Sierens Welt
Wohngemeinschaft statt Stubenarrest

Nach 13 Jahren diplomatischen Ringens haben sich der Westen und der Iran im Atomstreit geeinigt. Vor allem Deutschland und China wetteifern nun um die besten Wirtschaftsaufträge, meint unser Kolumnist Frank Sieren.
  • 1

Zuerst wusste ich gar nicht, wo ich in dieser Woche anfangen sollte. Viel ist passiert, was für China wichtig ist: Die EU hat sich mit Griechenland geeinigt, einen Privatisierungsfond im Wert von 50 Milliarden Euro aufzulegen. Schnäppchenjagd! Dann das überraschend stabile Wachstum Chinas von sieben Prozent im ersten Halbjahr. Durchatmen!

Aber auch die wieder optimistischen chinesischen Börsen nach dem heftigen staatlichen Eingriff. Aufatmen! Oder auch der Besuch von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Peking. Er gab den Genossen der Bosse und den Anwalt der Gepeinigten. Vor allem aber den Sprecher der von China gepeinigten deutschen Bosse. Routine!

Das Ereignis mit den größten Folgen für China, die Weltwirtschaft und Deutschland wurde jedoch nicht von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel oder von Vizekanzler Gabriel in Peking betreut, sondern von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Wien: Die Einigung mit dem Iran.

Es ging dabei um viel mehr, als um die Frage, ob Iran eine Atombombe haben soll oder nicht. Eine Bombe, die Pakistan längst hat, ohne dass es eine ähnliche Aufregung darüber gibt. Dem Durchbruch ist ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher: Nach über einem halben Jahrhundert ändern die Amerikaner eine ihrer wichtigsten außenpolitischen Grundsätze: Sanktionen und/oder Einmarschieren, lautete die Devise bisher bei Ländern, deren Vorstellungen den Amerikanern nicht passten. Also bei Korea, Kuba, Vietnam, Iran, Irak und Afghanistan. Die neue Linie lautet: verhandeln und wirtschaftliche Kooperation. Wohngemeinschaft und Reden statt Stubenarrest und Rohrstock also.

Kuba war Ende des vergangenen Jahres der Beginn des US-Strategiewechsels. Die Einigung mit dem Iran in dieser Woche ist der vorläufige historische Höhepunkt. Je nachdem wie die US- Präsidentschaftswahlen ausgehen, wird Nordkorea schneller oder langsamer folgen. Dass der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Barack Obama den neuen Kurs zurückdrehen wird, ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich.

Seite 1:

Wohngemeinschaft statt Stubenarrest

Seite 2:

Welchen Vorteil Peking gegenüber Berlin hat

Kommentare zu " Sierens Welt: Wohngemeinschaft statt Stubenarrest"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ich glaube nicht, dass China und Detuschland im Bezug auf Iran Konkurrenten sind, sondern dass sich die beiden eher gegenseitig ergaenzen. Sollten die Sanktionen tatsaechlich fallen, dann wird Iran seine nicht-konkurrenzfaehige Staatsindustrie gegen Importe schuetzen muessen. Das betrifft eher China Commidities. Halbfertige Industrien, die in teilweiser Umgehung des Embargos im Iran gebaut worden sind, basieren auf westlichen Technologien.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%