Sigmar Gabriel in Riad: Plötzlich Freiheitskämpfer

Sigmar Gabriel in Riad
Plötzlich Freiheitskämpfer

Vizekanzler Sigmar Gabriel will bei seinem Besuch in Saudi-Arabien über Wirtschaft sprechen. Doch ginge es nach dem Willen der Netzgemeinde, gäbe es dort nur ein Thema: die Freilassung des Bloggers Raif Badawi.
  • 0

Düsseldorf„Herr Gabriel, Sie halten den Schlüssel zu Raif Badawis Zelle in den Händen. Helfen Sie am Samstag, ihn zu befreien!“ Diese Nachricht schicken Internetnutzer aus der ganzen Welt im Minutentakt per Twitter und Facebook an SPD-Chef Sigmar Gabriel – auf Englisch, Türkisch, Spanisch, sogar auf Koreanisch. Sie alle hoffen darauf, dass der deutsche Vizekanzler während seiner Golfreise bei der saudischen Regierung eine Freilassung des inhaftierten Bloggers Raif Badawi erreichen kann.

Badawi war Mitte 2012 wegen verschiedener Beiträge auf seinem Blog „Free Saudi Liberals“ verhaftet worden, in denen er die Gleichwertigkeit von Muslimen, Christen, Juden und Atheisten proklamierte. Außerdem kritisierte er die Religionspolizei häufig für ihr hartes Durchgreifen. Wegen „Beleidigung des Islam“ wurde der Blogger von einem saudischen Gericht daraufhin zu vier Mal 150 Stockhieben und sieben Jahren Haft verurteilt.

Als sein Anwalt dagegen in Berufung ging, wurde die Strafe auf 1000 Hiebe, zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von fast 200.000 Euro erhöht. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Badawi sich möglicherweise auch einer Anklage wegen „Abfalls vom Glauben“ (Apostasie) gegenübersieht. Die Höchststrafe dafür: Hinrichtung durch Köpfen.

Weil Ärzte ihm schon nach den ersten 50 Stockhieben im Januar lebensbedrohliche Verletzungen attestierten, wurde die Züchtigung auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Jeden Freitag könnte sie aber theoretisch wieder fortgesetzt werden.

Bei seiner Golftour haben der Wirtschaftsminister und seine Delegation, darunter 76 Manager deutscher Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen, wohl eigentlich ganz andere Themen auf dem Plan. Denn die Geschäfte zwischen der Bundesrepublik und den Saudis laufen prächtig. Für die Regierung Grund genug, sie auszubauen.

Allein 2013 betrug das Handelsvolumen zwischen Deutschland und dem Golfstaat rund elf Milliarden Euro. Das Auswärtige Amt bezeichnet die bilateralen Beziehungen als „traditionell eng und im Allgemeinen spannungsfrei“, stellt aber fest: „Vielfach wird eine größere deutsche Rolle in der Weltpolitik gewünscht.“

Auch wenn sich die Saudis das anders vorgestellt haben dürften: Diese Rolle spielt nun Gabriel. Angereist als Handelsvertreter, steht er nun unverhofft an der Spitze der internationalen Hilfskampagne „Free Raif“. Als Freiheitskämpfer wider Willen.

Denn die zahllosen Tweets, die jetzt auf Gabriel einprasseln, sind Teil einer Petition des Onlineaktivismus-Portals Avaaz. Gestartet wurde sie von Badawis Ehefrau Ensaf Haidar, die mittlerweile mit ihren drei Kindern nach Kanada geflüchtet ist.

Seite 1:

Plötzlich Freiheitskämpfer

Seite 2:

„Schwierige Menschenrechtslage ansprechen“

Kommentare zu " Sigmar Gabriel in Riad: Plötzlich Freiheitskämpfer "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%