Silvio Berlusconi
Fettnäpfchen am Rande des Gipfels

Der Nato-Gipfel bot nicht nur auf der großen Bühne der internationalen Politik Diskussionsstoff. Auch im Kleinen gab es zahlreiche diplomatische Seitenhiebe. Am Samstagmorgen düpierte Italiens Premierminister Berlusconi Kanzlerin Merkel - mit Hilfe seines Handys.

HB KEHL/STRASSBURG. Gruppenbild mit Dame über dem Rhein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht am Samstagmorgen im weißen Jackett inmitten der Staats- und Regierungschefs der Nato. Neben Merkel blinzelt US-Präsident Barack Obama lächelnd in die Frühlingssonne, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy gestikuliert. Mit dem Gang über die sogenannte Passerelle, eine 387 Meter lange Fußgängerbrücke zwischen Straßburg und Kehl, ist sein Land soeben nach 43 Jahren symbolisch in das Militärbündnis zurückgekehrt. Ein friedliches, ein beinahe fröhliches Bild. Nur einer fehlt. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Berlusconi telefoniert.

Zum Auftakt des zweitägigen Nato-Gipfels hatte Sarkozy am Freitag in Straßburg so lange mit Obama gesprochen, dass Merkel in Baden-Baden auf den US-Präsidenten warten musste. Am Samstagmorgen muss sich Sarkozy gedulden. Während Merkel auf deutscher Seite ihre Nato-Kollegen begrüßt, sitzt Frankreichs Präsident auf seinem Rheinufer in einem Zelt und die Minuten verrinnen.

Auf dem trägen Fluss dümpeln die Polizeiboote. Polizeiflieger und Hubschrauber kreisen darüber hinweg. Die Einwohner Kehls bekommen von dem ganzen Spektakel nichts mit, bis auf ein paar handverlesene Bürger und Kinder müssen sie in ihren Wohnungen und Häusern bleiben. Der Rhein ist für die Schifffahrt gesperrt, sogar das Schwimmen im Fluss ist verboten, sollte denn jemand auf diese Idee kommen.

Auf deutscher Seite ist inzwischen der US-Präsident angekommen. Auf seinem Wagen wehen die amerikanische und die deutsche Fahne. Freundlich plaudern Merkel und Obama miteinander, Schulterklopfen auf dem roten Teppich. Dann verschwindet der US-Präsident in einem kleinen Pavillon, auch die anderen Nato-Staats - und Regierungschefs trinken dort Kaffee, nur Berlusconi nicht. Berlusconi lässt die Kanzlerin bei der Begrüßung links liegen und geht ans Ufer, hat ein Handy an der Backe und telefoniert.

Als letzter Gast trifft der britische Premierminister Gordon Brown ein. Merkel macht ihn auf den telefonierenden Berlusconi aufmerksam und schüttelt ein wenig den Kopf. Dann geht auch die Kanzlerin in den Pavillon.

Ein paar Minuten später beginnt der Marsch über die schlanke Passerelle, die als Symbol für das zusammenwachsende Europa gilt. Merkel und Obama und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer gehen an der Spitze des hochkarätigen Zuges Sarkozy entgegen, der inzwischen von Frankreich aus gestartet ist. Auch Polens Präsident Lech Kaczynski will ganz vorne mit dabei sein. Berlusconi nicht. Er telefoniert selbst dann noch, als eine französische Fliegerstaffel die Nato-Farben Blau und Weiß in den Himmel malt. Schließlich läuft er über die Brücke doch noch den anderen hinterher - das Handy immer noch am Ohr.

Erst beim feierlichen Gedenken an die bei Auslandseinsätzen getöteten und verwundeten Nato-Soldaten am französischen Ufer stößt Italiens Regierungschef zu seinen Kollegen. Kurz weiht er die Kanzlerin über seinen Telefonpartner ein. Im Streit um den neuen Nato-Generalsekretär hat er mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan gesprochen. Die Personalie belastet den Gipfel. Die Türken wollen den dänischen Ministerpräsidenten Anders Folgh Rasmussen an der Spitze der Nato nicht akzeptieren. Hintergrund ist dessen Rolle im Streit um die kontroversen Mohammed-Karikaturen und der in Dänemark ansässige kurdische TV-Sender Roj TV. Berlusconi hat also niemanden brüskiert, er hat gearbeitet. Dann steigen alle in ihre Limousinen. Die Passerelle bleibt in der Sonne zurück.

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