Simbabwe und Südafrika
Wenn die gemeinsame Erblast blind macht

In den Townships, unter den einfachen Menschen am Kap, fühlte er sich nie zu Hause. Sein Parkett war stets die internationale Bühne. Doch nun hat Südafrikas Präsident Thabo Mbeki auch dort seinen letzten Kredit verspielt: Mit seiner „stillen Diplomatie“ gegenüber Simbabwes machtbesessenem Diktator Robert Mugabe steht er international ziemlich alleine da.

KAPSTADT. Beim Krisengipfel der Staatengemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) zur Notlage in Simbabwe war Mbeki gestern nicht zu sehen. Obwohl er eigentlich als Vermittler der SADC in dem blutigen Konflikt fungiert, blieb er fern. Beleidigt ließ Mbeki wissen, niemand habe ihn eingeladen.

Mbeki hat der mutwilligen Selbstzerstörung der einstigen Kornkammer Afrikas jahrelang nur schweigend zugeschaut. Bis zuletzt hat er Mugabe kein einziges Mal offen kritisiert und stets erklärt, dass Simbabwe seine internen Probleme allein lösen müsse.

Mbeki unterstützte seinen simbabwischen Kollegen bis zuletzt moralisch wie materiell. Er fühlte sich mit Mugabe verbunden – aus einer Art schwarzer Solidarität mit einem früheren Widerstandskämpfer. Schließlich ist Mugabes Zanu-Partei wie auch Mbekis ANC davon überzeugt, als frühere Widerstandsbewegung das Ende der Geschichte zu sein. Nach der Befreiung der schwarzen Mehrheit vom Kolonialjoch scheinen beide zu glauben, einen Blankoscheck auf die Macht zu haben.

Das Gleiche gilt für die Widerstandsbewegungen in Namibia, Angola oder Mosambik. Wer ihre Führungsrolle hinterfragt, muss nach ihrem Weltbild zwangsläufig ein von neokolonialen Kreisen im Westen gesteuerter Konterrevolutionär sein – exakt der Vorwurf, den Mugabe, aber auch Mbeki oder Namibias früherer Staatschef Sam Nujoma oppositionellen Kräften im eigenen Land machen.

Das erklärt auch Mbekis Tatenlosigkeit, als Mugabe eine Wahl nach der anderen manipulierte, vier Millionen Simbabwer aus dem Land trieb und den Rest der Bevölkerung drangsalierte. Ebenso naiv hat er Mugabes willkürliche Enteignung der weißen Farmer unterstützt. Dabei machte Mbeki mit dem engen Blick auf die koloniale Geschichte nicht etwa Mugabes Machtwahn, sondern die hochproduktiven Landwirte und mit ihnen die frühere Kolonialmacht Großbritannien zum Sündenbock für die wirtschaftliche Misere des Landes.

Selbst als Mugabe das Ergebnis der Parlaments- und Präsidentschaftswahl von Ende März wochenlang zu Betrugszwecken geheim hielt, konnte Mbeki keine Krise erkennen, sondern mahnte zur Geduld mit dem Despoten. Dabei verlangte Simbabwes Opposition von Mbeki nichts anderes, als für jene Werte einzustehen, die ihm im Kampf gegen die Apartheid und für die von ihm bei jedem Gipfel beschworene afrikanische Renaissance so viel bedeuteten.

Auch im eigenen Land hinterlässt Mbekis diplomatisches Schweigen Spuren: Die jüngsten Unruhen gegen schwarze Immigranten aus Afrika haben ihre Ursache darin, dass Mbeki den ungesteuerten Zuzug von allein vier Millionen Flüchtlingen aus Simbabwe jahrelang ignorierte.

Nelson Mandela reagiert

Ein anderer, der lange geschwiegen hatte, meldete sich indes zu Wort: Der frühere südafrikanische Präsident Nelson Mandela hat erstmals das Regime im Nachbarland Simbabwe öffentlich kritisiert. Dort sei ein „tragisches Versagen der Führung“ zu beobachten, sagte Mandela bei einem Benefiz-Dinner am Mittwochabend in London. Eine Reaktion Mandelas auf die Gewalt, die das Regime von Präsident Robert Mugabe gegen die Opposition ausübt, war lange erwartet worden.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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