Simbabwe
Wo selbst der Tod zu teuer ist

Kurz vor der Jahrtausendwende war Simbabwe noch ein florierender Flecken Erde. Heute ist das Land im Süden Afrikas nur noch ein Schatten seiner selbst. Viele Menschen sind bereits ins Ausland geflohen. Wie das frühere Rhodesien sich von der Kornkammer zum Armenhaus Afrikas entwickelt.

BULAWAYO. Der Barkeeper im Backpacker am Rande von Bulawayo starrt gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen ziehen Gewitterwolken auf. „Welch ein Niedergang“, sagt er, „und in welch kurzer Zeit.“ Der Barmann hat den Verfall Simbabwes in den vergangenen zehn Jahren unmittelbar zu spüren bekommen, wenn auch weniger stark als die Luxusunterkünfte: Kamen 1997 noch rund zwei Millionen Touristen ins frühere Rhodesien, waren es zuletzt 20 000 – wenn es hochkommt.

Der wirtschaftliche Niedergang, den Simbabwe unter Präsident Robert Mugabe erlebt, spiegelt sich auch im Stadtbild von Bulawayo wider: Wer kurz vor der Jahrtausendwende hierher kam, wähnte sich eher in einem englischen Provinznest als in einer afrikanischen Großstadt: Gepflegte viktorianische Häuserzeilen, prächtige Parks, Wasserspiele, Museen, selbst liebevoll angelegte Radwege prägten damals das Bild des Ortes im Südwesten des Landes. Und in den Zeitungen regten sich die Leserbrief-Schreiber noch über den ungepflegten Zustand eines Blumenbeetes im Stadtpark auf.

Heute ist das einstige Kultur- und Handelszentrum nur noch ein Schatten seiner selbst. Sogar zur Mittagszeit lässt sich auf den breiten, im Schachbrettmuster angelegten Avenuen kaum ein Fußgänger blicken, die Marktstände sind verwaist. Viele Menschen, darunter fast die gesamte schwarze Mittelklasse, sind ins Ausland geflohen und haben die Hauptstadt des Matabelandes fast all ihrer Lebensgeister beraubt. Symptomatisch für den Verfall ist das Mpilo Central Hospital, das einst zu den besten in Afrika zählte. Es mangelt an Filmen für Röntgenbilder, an OP-Kleidung, an Antibiotika, an Blutkonserven, eigentlich an allem, berichten die wenigen verbliebenen Ärzte. Der wirtschaftliche Kollaps hat das einst vorbildliche Gesundheitswesen des Landes ruiniert: Mehr als 40 000 Frauen sind letztes Jahr bei der Geburt eines Kindes gestorben. Fast 30 Prozent der Simbabwer zwischen 15 und 65 Jahren sind mit dem HI-Virus infiziert.

Die Leichenhalle des Zentralkrankenhauses ist längst zu klein geworden. „Die meisten Angehörigen der Verstorbenen haben kein Geld, um die Toten abzuholen“, sagt eine Krankenschwester. „Allein der Transport kostet mehr als ein Arbeiter in einem halben Jahr verdient.“ Im Hospital selbst bleibt den Verstorbenen nur ein Armengrab, kein Sarg, nur ein Loch, im besten Fall ein nummeriertes Schild. Auch auf dem Zentralfriedhof von Bulawayo reiht sich ein namenloses Grab ans nächste. Viele sind auffallend klein, weil vor allem Babys und Kinder sterben.

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