Situation in der Türkei
Die verschärfte Krise

Geradezu krampfhaft bemüht sich die türkische Regierung derzeit, Stärke zu zeigen. Doch die Liste der Probleme des Landes wird immer länger. Experten gehen davon aus, dass der Höhepunkt der Krise noch kommt.
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New YorkDie Ermordung des russischen Botschafters in Ankara lässt sich politisch nur schwer einordnen. Denn eine ganze Reihe von Motiven wäre plausibel. An dem Fall wird deutlich, in wie viele Konflikte sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verstrickt hat. Auf den ersten Blick scheint die Tat mit der diplomatischen Krise zwischen den beiden Ländern zu tun zu haben. Auch ein Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien ist naheliegend. Erdogan selbst dagegen gibt den Drahtziehern des gescheiterten Putsches die Schuld. Fest steht, dass sich die türkische Gesellschaft stark radikalisiert hat.

Nicht nur der schonungslose Umgang mit vermeintlichen Unterstützern des Putschversuchs im Juli hat die Türkei gespalten. Die jüngste Eskalation im schwelenden Dauerkonflikt mit der kurdischen Minderheit nährt zunehmend Zweifel an der Fähigkeit der Regierung, die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Erdogan in den vergangenen Jahren in Syrien islamistische Extremisten geduldet oder gar unterstützt haben könnte - dies wiederum könnte auch in der Türkei islamistische Tendenzen befördert haben.

„So etwas bleibt nicht ohne Folgen“, sagt der Nahost-Experte Halil Karaveli, der am schwedischen Standort des internationalen Zentralasien-Kaukasus-Instituts arbeitet. Eine Mischung aus einem extremen türkischen Nationalismus und einem sunnitisch-muslimischen Fundamentalismus habe sich in einigen Kreisen im Land zuletzt stark ausgebreitet. Daraus ergäben sich große Potenziale für zusätzliche Gewalt innerhalb der Gesellschaft.

Aus welchem Grund der türkische Polizist Mevlüt Mert Altintas am vergangenen Montag bei einer Foto-Ausstellung in Ankara die Waffe gegen den Diplomaten Andrej Karlow richtete, bleibt noch zu ermitteln. Kurz bevor er selbst von Sicherheitskräften erschossen wurde, rief er religiöse Parolen und verurteilte die Bombenangriffe Russlands auf die bis zuletzt noch von Rebellen gehaltenen Viertel der syrischen Stadt Aleppo.

Vor der russischen Botschaft in Ankara hatten zuvor auch zahlreiche andere Türken dagegen protestiert, dass Moskau in Syrien Präsident Baschar al-Assad unterstützt. Insofern könnte das Attentat auf Karlow durchaus Teil einer Bewegung oder zumindest Ausdruck einer allgemeinen Stimmung in der türkischen Bevölkerung sein. Nach offiziellen Stellungnahmen gehen jedoch sowohl Russland als auch die Türkei davon aus, dass es sich um eine politische Verschwörung handelt, die darauf abziele, die angespannten Beziehungen der beiden Staaten weiter zu belasten.

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Erdogan beschuldigt seinen Erzfeind

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