Situation raubt Irakern den letzten Nerv
Chaos auf Bagdads Straßen

In Bagdad sind die Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt. Die wenigen Verkehrspolizisten sind hoffnungslos überfordert und demotiviert. „Wenn sie zur Arbeit kommen, sitzen sie für ein paar Stunden im Schatten und gehen dann wieder nach Hause."

Reuters BAGDAD. Hauptmann Hamid Kadhum trieft der Schweiß vom geröteten Gesicht: „Wenn Sie mich nicht respektieren, machen Sie weiter. Wenn Sie mich respektieren, drehen sie um.“ Der Fahrer winkt nur barsch ab und setzt seinen Weg auf der falschen und verstopften Fahrbahn fort. „Es gibt kein Gesetz mehr, keine Autorität, keinen Respekt“ brummt Kadhum nur noch, bevor er sich dem nächsten Missetäter zuwendet.

Nur wenige Iraker wünschen sich Saddam zurück, aber viele sehnen sich wohl nach einer Rückkehr der Disziplin, die während der Herrschaft seiner bewaffneten Brigaden auf den Straßen herrschte. Heute kommen Esel und Ziegen oft schneller vorwärts als die Autofahrer, die sich durch die überfüllten Straßen quälen müssen. Polizist Haider Sadik erzählt von seinem Versuch, das Chaos in Schach zu halten: „Letzte Woche fuhr jemand in die verkehrte Richtung: Also sagte ich ihm, er solle anhalten.

Zuerst wollte er mich anfahren, dann zog er eine Waffe. Da habe ich entschieden, ihn fahren zu lassen“. Wie ihm geht es wohl auch seinen Kollegen. Die meisten der ungefähr 5000 Verkehrspolizisten im Irak haben keine Waffen mehr. Sie gingen im Chaos der Kriegstage verloren oder wurden geraubt - ebenso wie viele Polizeiautos und Dienstmotorräder. Die Polizisten haben so oftmals nicht mal die Möglichkeit, Verkehrsrowdies zu verfolgen. Doch würden die Übeltäter geschnappt, gäbe es zu wenig funktionierende Gerichte, um sie zu verurteilen.

So lässt auch die Arbeitsmoral bei den Bagdader Polizisten langsam nach. „Wenn sie zur Arbeit kommen, sitzen sie für ein paar Stunden im Schatten und gehen dann wieder nach Hause“, sagt der LKW-Fahrer Sabah Dschamid, der sich bei Temperaturen über 50 Grad durch die Straßen Bagdads schlängelt um Cola auszuliefern.

Kinder spielen Verkehrspolizisten

Auf manchen Straßen spielen Kinder im Alter von elf oder zwölf Jahren Verkehrspolizisten. Die Autofahrer reagieren mit Respekt. Im Moment scheint es die einzige Möglichkeit zu sein, das Durcheinander auf Bagdads Straßen ansatzweise unter Kontrolle zu bringen. Zu dem Verkehrschaos trägt auch eine zunehmende Zahl von Autos auf irakischen Straßen bei.

Gefälschte Führerscheine sind billig zu kaufen. Außerdem haben die Amerikaner wichtige Import-Kontrollen abgeschafft, so dass aus Jordanien und Kuwait immer mehr Autos in den Irak rollen. Viele von ihnen tragen kein Nummernschild, weil keine ausgegeben werden. „Die Straßen von Bagdad können mit dieser riesigen Anzahl von Autos nicht mehr mithalten“, sagt Oberst Nihad Ali Hussein, während er von seinem Büro aus einen Stau beobachtet. Er ist verantwortlich für die Hälfte der Verkehrspolizisten in Bagdad. Der Import von Autos habe die Anzahl privater Fahrzeuge von 555 000 auf 700 000 anschwellen lassen.

Stromausfälle legen zusätzlich oft die Ampelnetze lahm. Der Taxifahrer Saad Kadhim erzählt, dass er heute zwei Stunden für eine Fahrt braucht, für die er früher nur 15 Minuten benötigte: „Aber ich verliere kein Geld, weil die Kunden Mitleid haben und mehr bezahlen“.

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