Slowakei
Absatzflaute trifft die Schlüsselindustrie

In der Slowakei hat die Autoindustrie in den 20 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs einen gewaltigen Aufschwung genommen. Die Branche steuert rund ein Viertel zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Trotz des Einbruchs bei der Nachfrage wollen Unternehmen wie Volkswagen investieren.

WIEN. Der Traum vom "Neuen Detroit" in Osteuropa ist vorerst geplatzt. Die weltweite Absatzkrise zwingt die Autobauer auch in der Slowakei dazu, ihre Wachstumspläne zu überdenken. Im nächsten Jahr wollten Volkswagen, Kia und Peugeot in ihren slowakischen Fabriken zusammen erstmals mehr als eine Million Autos produzieren. "Das wird sicherlich nicht der Fall sein", prophezeit Zdenek Lukas, Slowakei-Experte beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Die Sorgen beschränken sich aber nur auf die aktuelle Nachfrage. Langfristig sollte die Slowakei von ihrer starken Autoindustrie profitieren können.

Die derzeitige Situation unterscheidet sich in der Slowakei kaum von der in anderen Ländern: Die Autohersteller müssen ihre Produktionspläne für 2009 drastisch zusammenstreichen. Kurzarbeit ist an der Tagesordnung, und in einigen Fabriken stehen erste Entlassungen an. Die größte Herausforderung für die Firmen ist, dass sie kaum eine vernünftige Jahresplanung aufstellen können. Sie arbeiten "auf Sicht", von Woche zu Woche wird die Produktion den Marktbedingungen angepasst.

In der Slowakei hat die Autoindustrie in den 20 Jahren seit dem Fall des Eisernen Vorhangs einen gewaltigen Aufschwung genommen. Die gesamte Branche - also Hersteller samt Zulieferer - kommt auf einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von ungefähr einem Viertel. Volkswagen allein steht mit seinen Werken in der Slowakei für einen Anteil am BIP von schätzungsweise zehn Prozent. Bei den Exporten liegt der Anteil der Autobranche bei 30 Prozent.

Der Verband der slowakischen Automobilindustrie verkündet stolz, dass das kleine Land mit gut fünf Millionen Einwohnern relativ gesehen schon heute der wichtigste Autobauer der Welt sei. Knapp 106 Autos pro Jahr und 1 000 Einwohner werden dem Verband zufolge in der Slowakei produziert - das gebe es in keinem anderen Land auf dem Globus.

Im vergangenen Jahr haben die slowakischen Autohersteller 640 000 Fahrzeuge hergestellt. In diesem Jahr wird die Zahl sicherlich niedriger ausfallen. Wie hoch die Abstriche sein werden, weiß allerdings noch niemand. Schätzungen aus der Branche belaufen sich auf minus zehn bis 25 Prozent. Für den erwarteten Produktionsrückgang ist nicht nur die Absatzkrise verantwortlich. Im Januar zwang auch der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland die slowakischen Autohersteller dazu, ihre Fabriken tageweise zu schließen. Die Slowakei hatte schlichtweg nicht mehr genug Erdgas für die produzierende Industrie.

Die fast überall in Europa eingeführten Abwrackprämien sorgen zumindest aktuell für eine gewisse Entspannung in den Autowerken in der Slowakei. In der Kia-Fabrik im nordslowakischen Zilina hat die Belebung der Nachfrage dazu geführt, dass das Unternehmen vom ursprünglich geplanten Einschichtbetrieb auf zwei Schichten wechseln kann. "Die Zahl der Bestellungen reicht dafür aus", sagt Unternehmenssprecher Dusan Dvorak. Was auf den ersten Blick positiv scheint, ist aber nur die halbe Wahrheit: In beiden Schichten wird jeweils nur sechs Stunden gearbeitet, die 2700 Beschäftigten des koreanischen Herstellers sind also für Kurzarbeit angemeldet. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Eigentlich ist die Kia-Fabrik auf eine Jahresproduktion von 300 000 Autos angelegt. Das Unternehmen ist froh, wenn es in diesem Jahr 170 000 Exemplare werden.

Bei Volkswagen in Bratislava sind die Einschränkungen ähnlich gravierend. Mit ungefähr 7 000 Beschäftigten gehört der deutsche Konzern zu den größten Arbeitgebern im Land. Noch hofft das Unternehmen, auf Entlassungen verzichten zu können. Zur Bewältigung der Krise setzt VW auf Kurzarbeit und befristete Fabrikschließungen. Im Februar standen die Bänder schon einmal still. Unternehmenssprecherin Miriam Repiska bestätigte, dass die Autofabrik im April noch einmal für zwei Wochen komplett geschlossen wird.

Die slowakische Volkswagen-Tochter bekommt zu spüren, dass die Kunden vor allem bei teuren Autos sparen. In Bratislava läuft der Geländewagen Touareg von den Bändern, außerdem produziert das Werk den Q 7 der Konzernschwester Audi und die Rohkarossen für den Porsche Cayenne.

Auf den ersten Blick mag es paradox klingen: Aber trotz der großen aktuellen Probleme denkt Volkswagen über die Aufstockung der Produktion in der Slowakei nach. In der Konzernzentrale in Wolfsburg wird emsig gerechnet: Im Gespräch ist eine zusätzliche Investition von 300 Mio. Euro. Wenn die VW-Führung grünes Licht gibt, soll in ungefähr drei Jahren das neue Kleinwagen-Modell Up in Bratislava von den Bändern laufen.

WIIW-Experte Lukas ist überzeugt, dass sich die Lage in der slowakischen Autoindustrie auf absehbare Zeit wieder beruhigen wird: "Die Slowaken haben einen komparativen Vorteil: Bei ihnen dominiert die Produktion von Kleinwagen", sagt er. Was bei VW noch kommen soll, ist bei Kia und Peugeot bereits Realität.

VW glaubt fest daran, dass die Nachfrage wieder zurückkommen wird. Sonst gäbe es nicht die Pläne, in der Slowakei weitere 300 Mio. Euro in die Hand zu nehmen. Der Käuferwunsch nach einem Kleinwagen wird groß bleiben - ganz besonders in Osteuropa.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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