Slowakei
Regierung weicht Reformen auf

Das weltweit gelobte „Reformmodell“ Slowakei kommt in die Jahre. Noch boomt die Konjunktur, die ausländischen Direktinvestitionen fließen. Aber die Anzeichen mehren sich dafür, dass strategische Weichen gestellt werden müssen, soll die Erfolgsstory weitergehen.

BRATISLAVA. Es geht vor allem um die Industriestruktur, den Arbeitsmarkt, sowie die Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. „Im Grund genommen ist das Land noch recht attraktiv", meint Michael Kern von der deutsch-slowakischen Industrie- und Handelskammer. Doch durch einige dirigistische Eingriffe der Regierung von Premier Robert Fico habe das Investitionsklima auch etwas gelitten, so Kern.

Bislang gehört die Slowakei zu den wachstumsstärksten Ländern in Europa. Nach einem Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 8,3 Prozent im vergangenen Jahr erwartet die Regierung für 2007 sogar 8,8 Prozent. Der Zufluss ausländischen Kapitals soll dieses Jahr sogar die Zahlen des Vorjahrs übersteigen. Nach anfänglichem Zögern ist Premier Fico jetzt fest entschlossen, am 1. Januar 2009 den Euro einzuführen. „Notfalls werden wir alle Vorhaben zusammenstreichen, damit dieses Datum nicht gefährdet wird“, sagt Finanzminister Jan Pociatek. Er denkt vor allem an das Defizit im Staatshaushalt, das dieses Jahr knapp über den Maastricht-Grenzwert von drei Prozent des BIP liegen wird, im kommenden Jahr aber auf etwa 2,5 Prozent sinken soll.

Zu den großen Erfolgen der Slowakei zählt vor allem der Aufbau eines leistungsstarken Fahrzeugbaus. Mit Hilfe internationaler Konzerne wurde das Land zu einem Mekka der Autoproduktion, um die herum ein dichtes Netz von Zulieferern entstanden ist. Doch diese Monostruktur birgt auch Gefahren. Schon jetzt hat der Fahrzeugbau einen Anteil von 25 Prozent an der Industrieproduktion und sogar 30 Prozent am Export. Gerät die Branche in eine Rezession oder werden Produktionsstätten in andere Länder verlagert, kann dies die Volkswirtschaft in Schieflage bringen.

Die Regierung hat dies immerhin erkannt. Sie plant ein neues Investitionsgesetz, das eine stärkere Förderung mittelständischer Unternehmen zum Ziel hat und außerdem für mehr Industrieansiedlung im unterentwickelten Osten des Landes sorgen soll. Außerdem will man das Augenmerk stärker auf Elektrotechnik und Elektronik, die IT-Branche, Software-Entwicklung und auch den Tourismus richten. Gerade hat Sony ein modernes Werk für LCD-Bildschirme im mittelslowakischen Nitra eröffnet.

Dringender Handlungsbedarf besteht zudem auf dem Arbeitsmarkt. Aus einer Studie der deutsch-slowakischen Industrie- und Handelskammer geht hervor, dass internationale Investoren vor allem den eklatanten Mangel an qualifizieren Fachkräften im gewerblich-technischen Bereich bemängeln. Die Berufsschulen des Landes haben nicht genug Geld, um moderne Maschinen zu kaufen, und es fehlt an Lehrern, die diese bedienen können. So sehen sich gerade die ausländischen Investoren gezwungen, selbst Fachkräfte auszubilden. Die Regierung sieht das Problem, steuert aber noch nicht erfolgreich dagegen.

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