Slowenien
Russische Verhältnisse

Manchmal sind Wahlen wie das Abbinden von Mühlsteinen vom Hals eines Landes. Slowenien ist so ein Fall. Gierige Oligarchen und zerstrittene Politiker haben das kleine Land ins Chaos gestürzt. Am Sonntag binden die Slowenen ihren Mühlstein ab – und wählen einen neuen Präsidenten.

LJUBLJANA. Der Staatspräsident blieb einfach verschwunden. 59 Tage lang, vom 21. Juli bis zum 18. September. Lapidare Erklärung seines Sprechers Ivo Vajgl: „Etwas Unerwartetes“ sei passiert. Was? Wann? Sein Chef, Sloweniens Präsident Janez Drnovsek, 57, blieb jede Antwort schuldig.

Zuvor schon hatte das Staatsoberhaupt einfach den Nationalfeiertag am 25. Juni ignoriert, weil er sich mit seinem Nachfolger als Premierminister, Janez Jansa, nicht öffentlich zeigen wollte. Davor war Drnovsek einfach aus seinem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Ljubljana ausgezogen – in die Berge. Dort lebt der promovierte Ökonom nun allein mit seinem Hund namens „Brodi“, den er strikt vegetarisch ernährt. Nebenher gärtnert er und bäckt eigenes Brot.

Um Politisches kümmert sich der Herr Präsident kaum noch. Allenfalls lässt der Vielschreiber in seinem Internettagebuch Hasstiraden auf die konservative Regierung los. Oder Sloweniens Ex-Regierungschef, der inzwischen seine linksliberale Partei LDS verlassen hat und eine „Union für Gerechtigkeit und Entwicklung“ aus der Taufe hob, widmet sich dem Bücherschreiben. Waren es zunächst noch Titel wie „Meine Wahrheit“ über den Jugoslawien-Krieg, so hat Drnovsek zuletzt ein Werk mit dem unbescheidenen Titel „Vom Wesen der Welt“ vorgelegt.

Und wenn der Präsident mal zu regieren versucht, gerät er schnell in die Bredouille – etwa als er zur Lösung des blutigen Darfur-Konflikts im Sudan einen eigenen Unterhändler nach Afrika schickte, der dort gefangen genommen und freigekauft werden musste. Zu guter Letzt hatte Drnovsek binnen kurzer Zeit sein gesamtes Präsidenten-Budget für das Loseisen seines Verhandlers verpulvert, so dass ihm Sloweniens Regierungschef Janez Jansa den Geldhahn zudrehte – woraufhin der Präsident sich weigerte, vor der Uno-Vollversammlung für Slowenien zu reden.

Manchmal sind Wahlen wie das Abbinden von Mühlsteinen vom Hals eines Landes. Das kleine Slowenien, das als erstes Land der neuen EU-Staaten den Euro einführte und lange als politischer Musterknabe unter den jungen mittelosteuropäischen Staaten galt, ist so ein Fall. Am Sonntag binden die Slowenen ihren Mühlstein ab und wählen einen neuen Präsidenten.

Und Amtsinhaber Drnovsek tritt nicht wieder an. Er hätte auch kaum Chancen. Denn der zum Buddhismus konvertierte 57-Jährige, der Slowenien einst nahezu heil durch den jugoslawischen Bürgerkrieg in die Freiheit, die EU und die Nato führte (siehe: „Von Tito bis Teuro“), gilt daheim heute als Politiker, der zu seiner Karikatur geworden ist – ein wenig wie Österreichs Jörg Haider oder Italiens Silvio Berlusconi.

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