Snowden-sein letztes Geheimnis

Handelsblatt-Reporter Sönke Iwersen Meine Spurensuche nach Edward Snowden

Sönke Iwersen leitet seit fünf Jahren das Ressort Investigative Recherche beim Handelsblatt. Doch eine Spurensuche wie im Fall Edward Snowden hat er auch noch nicht erlebt. Ein Werkstattbericht.
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Sönke Iwersen, Leiter für investigative Recherche (rechts), Flüchtling Vanessa (Mitte), und Anwalt Robert Tibbo (links) im Gespräch. Quelle: Jayne Russel
Recherche in Hongkong

Sönke Iwersen, Leiter für investigative Recherche (rechts), Flüchtling Vanessa (Mitte), und Anwalt Robert Tibbo (links) im Gespräch.

(Foto: Jayne Russel)

Ich sitze im Mira Hotel in Hongkong, mir gegenüber sitzt der Anwalt von Edward Snowden. Der Ort ist historisch. 2013 hat Edward Snowden in diesem Hotel im Juni 2013 das Interview gegeben, das ihn zum meist gesuchten Mann der Welt machte. Ich bin nach Hongkong gekommen, um seinen Schritte nachzugehen.

Die Idee Snowden's Anwalt Robert Tibbo ausgerechnet hier zu treffen, entstand spontan. Ein Zimmer im Mira habe ich nicht, also schleiche ich mich ein paar Stockwerke hoch zu einer Sitzgruppe. Mancher Angestellte schaut überrascht, als meine Fotografin ihre Gerätschaften auspackt. Aber niemand spricht uns an. Keiner weiß, wer wir sind. Es kann losgehen.

Die Spurensuche nach Edward Snowden war abenteuerlich. Spannend war das Projekt von Anfang an. Doch wer konnte ahnen, dass mich die Recherche in die dunkelsten Ecken von Hongkong führen würde? Zu vergewaltigten Frauen aus Sri Lanka und den Philippinen, die für Snowden in Hongkong kochten? Zu einem ehemaligen Soldaten, der in seiner Heimat gefoltert wurde und in Hongkong als Snowdens Bodyguard auftrat?

So tauchte Edward Snowden unter
Edward Snowden in Hongkong
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Nach den ersten Veröffentlichungen von Edward Snowdens streng geheimen Dokumenten, entschied sich der Whistleblower selbst an die Öffentlichkeit zu gehen. In einem Interview im Mira-Hotel in Hongkong erzählte er, warum er die dubiosen Abhörpraktiken der NSA öffentlich gemacht hatte. Sein Gesicht erschien auf unzähligen Fernsehbildschirmen. Snowden musste von nun an befürchten überall erkannt zu werden.

Der Blogger und Journalist Glenn Greenwald
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Das Interview mit Edward Snowden führte der Journalist und Blogger Glenn Greenwald. Er schrieb auch die ersten Artikel über den NSA-Skandal für die englische Zeitung „The Guardian“. Beinahe hätte er jedoch die Geschichte seines Lebens verpasst: Der Journalist hatte anfangs kein Interesse an Snowden und war technisch wohl auch zu unbedarft einige Verschlüsselungsprogramme zu installieren.

Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras
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Die Kamera während des Interviews führte die Dokumentarfilmerin Laura Poitras. 2013 hatte Snowden sie kontaktiert, er hätte geheime Dokumente über die Abhörpraktiken der National Security Agency (NSA). Poitras und Greenwald reisten daraufhin gemeinsam nach Hongkong, wo sie mit Snowden sprechen wollten. Doch weder die Journalisten noch der Whistleblower selbst machten sich offenbar darüber Gedanken, was nach der Ausstrahlung der Interviews passieren würde.

Das W-Hotel in Hongkong
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Der Journalist Glenn Greenwald wohnte im W-Hotel. Am Tag nach dem Interview war die Lobby voller Journalisten. Ihr Plan war einfach: Sie wollten Greenwald folgen, um Snowden zu finden. Der Journalist saß fest. Quelle: Starwood Hotels & Resorts

Das Mira-Hotel in Hongkong
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Snowden hatte sich im Mira-Hotel einquartiert, dort nahmen die Journalisten auch das Interview auf. Nach der Ausstrahlung traute sich der Whistleblower nicht mehr vor die Tür. Zu groß war die Gefahr, erkannt zu werden.

Proteste vor US-Konsulat in Hongkong
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Nach Snowdens Enthüllungen kam es auf der ganzen Welt zu Protesten. Die Menschen in Hongkong unterstützten Snowdens Tat und forderten, ihn vor den amerikanischen Behörden zu schützen.

Proteste in Berlin
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Auch in Berlin wurde demonstriert. Viele Deutsche wollten, dass die Bundesrepublik dem Whistleblower Asyl gewährt.

Der Anfang der Recherche liegt Monate zurück – und wie so oft war ihr Anfang das Ende einer anderen Recherche. In einer Geschichte zu einem völlig anderen Thema spielte der Anwalt Robert Tibbo eine wichtige Rolle. Ich wusste, dass er Snowdens Anwalt war, doch wochenlang war sein berühmter Mandant in unseren Gesprächen kein Thema. Erst im späten Frühling ergab sich plötzlich die Gelegenheit, eine Geschichte über Snowdens Flucht zu schreiben. Ich griff zu.

Die Operation Snowden wird mir lange in Erinnerung bleiben. Die brütende Hitze in Hongkong. Das Elend der Menschen, die Snowdens Leben retteten und heute noch immer im Dreck sitzen. Die umständliche Kommunikation mit dem amerikanischen Whistleblower in Moskau, dem ich nur mit einem besonderen Programm verschlüsselte Fragen zukommen lassen konnte, um dann genauso umständlich seine Antworten zu empfangen.

Freilich, die ganze Arbeit hat sich gelohnt. Doch bei aller Freude über die vollendete Geschichte und über Snowdens Lebensretter, bleibt doch auch eine Gewissheit: Dass Snowden mir schrieb, wie sehr er seine Helfer bewundert, wird sie freuen. Helfen wird es ihnen aber nicht.

Hier finden Sie das Interview mit Edward Snowden.

Lesen Sie hier den ganzen Report über Snowdens Helfer in Hongkong.

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6 Kommentare zu "Handelsblatt-Reporter Sönke Iwersen: Meine Spurensuche nach Edward Snowden"

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  • Herr Clemens Keil, 07.09.2016, 12:05 Uhr

    „Warum überwindet die Regierung nicht endlich Ihren vorauseilenden Gehorsam und schaltet die immer noch aktiven US-Abhöreinrichtungen in Deutschland ab!
    Interessant ist, dass Industrie, Gewerkschaften, Kirchen und, last but not least, unsere sogenannten Leitmedien dieses Spiel mitspielen.“

    Weil sie Angst haben. Vor den Konsequenzen, die für sie daraus entstehen würden, wenn sie gegen die „Spielregeln“ des Netzwerks verstoßen würden, aus dem sie quasi ihre Existenzberechtigung ziehen.

    Eigentlich das Allerabsurdeste, aber offenbar eine Art Naturgesetz (warum?): Wir alle – die Bürger der Welt, jedenfalls die meisten darunter – haben wiederum Angst vor unseren Regierungen und ihren „Sicherheitsinstitutionen“ (nochmal: für mich sind Parteien und Berufspolitiker im digitalen Zeitalter ein klarer Anachronismus).

    Da traut keiner keinem mehr auch nur einen halben Meter über den Weg.

    Das zeigt sich immer wieder bei den unschöner Regelmäßigkeit in bewaffnete Auseinandersetzungen (Kriege) eskalierenden – und damit von keiner(!) Seite mehr kontrollierbaren – Interessenkonflikten zeigt (wobei sich die Frage stellt: WESSEN Interessen genau eigentlich?); das derzeit aktuellste Beispiel dürfte wohl Syrien sein.

  • Wär‘ das schön, wenn die US-Regierung sich, solange das noch möglich ist, dazu überwinden könnte die Edward Snowden einfach freies Geleit einzuräumen und ihn als freien Mann in seine Heimat zurückkehren zu lassen.

    Der genießt schließlich weltweit unter der „Durchschnittsbevölkerung“ den Ruf, absolut glaubwürdig zu sein. Und solche Leute brauchen wir – insbesondere auch die USA - gerade heute ganz dringend an unserer Seite.

    Naja, man wird ja wohl noch träumen dürfen. Aber wir Menschen haben offenbar schon ein ausgeprägtes Talent, und das Leben so schwer wie möglich zu machen.

    Oder trifft das vielleicht doch fast ausschließlich auf konservativ-rückwärtsgewandte Pfründebewahrer, wie sie in den Machtzirkeln dieser Welt - insbesondere in der Politik - zuhauf zu finden sind, zu?

  • ...
    Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch deutsche Behörden Schnüffelsoftware a la PEGASUS für Smartphones einsetzen werden. War leider so zu erwarten, und auch von der SPD wird nur schwach widersprochen, obwohl die SPD in der Vorgänger-Regierung noch ganz anders getönt hatte!
    Und schon ist Punkt 5 aufgerufen!
    Was ich nicht sehe:
    Ein Konzept, ja noch nicht einmal eine öffentliche Diskussion, wie verbindliche Regelungen mit welchen Zielsetzungen, die den Menschen- und Freiheitsrechten wieder absoluten Vorrang einräumen und den sicherheitsbedingten Maßnahmen enge, richterlich und parlamentarisch überwachte Grenzen setzen, aus deutscher Sicht aussehen sollten?

    Warum sieht unsere Regierung weder Bürgerfreiheit noch Demokratie gefährdet? Warum sieht unsere Regierung - wie auch bei dem TTIP-Abkommen - Demokratie und Rechtsstaat offensichtlich eher als Behinderung für Wirtschaft und Sicherheitsdienste.
    Warum warnt De Maizière vor Übertreibungen und nicht vor Nachlässigkeiten beim Datenschutz? Warum überwindet die Regierung nicht endlich Ihren vorauseilenden Gehorsam und schaltet die immer noch aktiven US-Abhöreinrichtungen in Deutschland ab!
    Interessant ist, dass Industrie, Gewerkschaften, Kirchen und, last but not least, unsere sogenannten Leitmedien dieses Spiel mitspielen.

    In diesem Sinne:
    "Wir werden nicht abgehört. Die NSA achtet Recht und Gesetz."
    http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y
    Verkehrte Welt?
    http://youtu.be/QqoSPmtOYc8

  • Ich verfolge jetzt schon seit den Enthüllungen von Snowden vor über 3 Jahren intensiv den NSA/BND-Skandal mit all seinen Verästelungen auch in Richtung BND, Verfassungsschutz, deutsche Regierung etc. Was das Regierungshandeln in diesem Skandal betrifft, sehe ich fünf Handlungsstränge (alles andere ist Augenpulver, Ablenkungsmanöver).
    1. Alles Verheimlichen, Verharmlosen, Abstreiten, Leugnen, was ggf. die "weiße" Weste eines der verantwortlichen Politiker beflecken könnte.
    2. Gesetze, Verordnungen etc so anpassen, dass die aufgedeckten Verstöße künftig durch (grundgesetzkonformes?) Recht und Gesetz gedeckt sind. Diese Praxis wurde bereits in der Vergangenheit zwischen BND und Bundeskanzleramt eingeübt. In diesem Sinne soll auch der BND auch an die "kurze Leine" gelegt werden - was auch immer das heißen mag - anstatt das nun auch von Sonderermittler Graulich aufgedeckte gesetzeswidrige Abhören von Firmen, Behörden und Personen durch den BND (u.a. auch im Auftrag der NSA) zu ahnden und künftig zu unterbinden sowie die Rechte der Bundesdatenschutzbeauftragten beim BND durchzusetzen (sic!). Das Austauschen der BND-Leitung war nur Augenpulver und eher ein Bauernopfer.
    3. Zur Terrorbekämpfung wird die Zusammenarbeit der Geheimdienste a la NSA, BND etc als alternativlos (bisher unabhängig von Recht, Gesetz und Menschenwürde) betrachtet.
    4. Eine Beeinträchtigung der transatlantischen Beziehungen wird vasallengleich vermieden.
    5. Den NSA-Untersuchungsausschuß "elegant" trocken legen, in dem die vereinbarte Zusammenarbeit mit den USA von den USA aufgekündigt wird.
    Wenigstens bei Punkt 2 war bisher noch auf das Bundesverfassungsgericht und den europäischen Gerichtshof Verlass! Inzwischen hat aber hat die Regierung ein - verfassungskonformes? - BND-Gesetz ganz im Sinne des o.g. Punktes 2 erlassen! Und jetzt geht De Maizière über die Köpfe der Bürger hinweg die Themen Verbot der Verschlüsselung und Verpflichtung der IT-Hersteller zum Einbau von Backdoors in ihre Produkte an....

  • Und täglich lügt das Kanzleramt ...
    Mehr als zwei Jahre nach den schockierenden Veröffentlichungen von Edward Snowden stellt sich der NSA/BND-Skandal immer noch als schlechte Tragödie dar:
    Die Politik, insbesondere die Union, fälscht/lügt/trickst/verharmlost/verheimlicht/unterlässt/stellt sich unwissend auf Teufel komm raus. Letztes Beispiel: der dem Kanzleramt unterstehende BND mißachtet die Rechte der Bundesdatenschutzbeauftragten (sic!), davor: Merkels und Altmeiers Falschinformationen über die Selektorenlisten und die Netzpolitik.Org-Affäre und ...
    Die politische und wirtschaftliche Elite sorgt sich mehr um die transatlantischen Beziehungen als um Bürgerfreiheit bzw. Wirtschaftsspionage.
    Vertreter der Bürgerfreiheit (Kirchen, Kulturschaffende, Intellektuelle, Gewerkschaften ...) ergreifen kaum lautstark Partei.
    Die Regierung verspricht Aufklärung, praktiziert aber Vertuschung.
    Niemand übernimmt Verantwortung, Aussitzen ist die Devise!
    Die Internet-Nutzer meinen immer noch verhamlosend und naiv, sie hätten nichts zu verbergen.
    Eine gesellschaftliche Diskussion, wie man den Menschen- und Freiheitsrechten wieder absoluten Vorrang vor sicherheitsbedingten Maßnahmen einräumen kann, findet nicht statt.
    Die Medien, wie auch das Handelsblatt jetzt wieder, verlieren sich in pausenlosen Berichten über Einzelaspekte, versäumen aber, den wirklichen Grundsatzfragen auf den Grund zu gehen.
    In diesem Sinne:
    "Yes, we scan."
    http://youtu.be/v1kEKFu6PkY
    "Stellt Euch vor, wir lauschen gerne: Goethe, Kant und auch Beethoven"!
    http://youtu.be/pcc6MbYyoM4
    "Wir werden nicht abgehört. Die NSA achtet Recht und Gesetz."
    http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

    Und jetzt erklärt auch noch der unsägliche Innenminister, der noch viel üben muss, die NSA-Affäre für abgehakt und schließt neue, dubiose Vereinbarungen zum Datenaustausch mit den USA!
    Und je länger die SPD dabei mitmacht, umso mehr fällt letztlich auch auf sie zurück!

  • Danke für Ihren ausführlichen Beitrag über Snowden und das Interview heute im HB.

    Das (Snwoden und seine Helfer) sind ja im Grunde alles "ganz normale Menschen".

    Vor denen ich große Hochachtung habe.

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