Sonderwirtschaftszonen
EM-Gastgeber setzt auf Spezialisten

Mit der Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen sollen die Südeuropäischen Länder wieder auf Vordermann gebracht werden. Dass das funktionieren kann zeigt das Beispiel Polen - ohne Euro und ohne Krisen.
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RzeszówSonderwirtschaftszonen sollen den Süden Europas wieder wachsen lassen - so plant es Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihren Wachstumsinitiativen für die kriselnden Euro-Staaten. Ganz ohne Euro und sogar ohne Krise ist in Polen zu besichtigen, welche Wachstumsimpulse aus solchen Sonderwirtschaftszonen kommen können.

Bei Breslau werden so die meisten Flachbildschirme in ganz Europa hergestellt, im Nordwesten des Landes lässt der japanische Bridgestone-Konzern Reifen herstellen. Bosch-Siemens-Hausgeräte, Indesit, Electrolux und weitere 24 Hersteller von „weißer Ware“ und Zulieferer aus 23 Ländern produzieren hier 15 Millionen Kühlschränke, Waschmaschinen und Geschirrspüler. 80 Prozent davon gehen in den Export.

Der Chef von Polens Investitionsagentur, Slawomir Majman, will nun „nicht mehr einfache Fertigung anlocken, sondern vor allem Autoindustrie und High-Tech“, wie er dem Handelsblatt sagte. Mit Volkswagen, Opel und Fiat hat Majman bereits drei Autobauer in die polnischen Sonderwirtschaftszonen geholt.

Und MTU Aero Engines Polska, die polnische Tochter des Münchener Triebwerkherstellers, die sich nach Standortsuche in 33 Ländern im südostpolnischen Rzeszów ansiedelte. „Rzeszów hat eine lange Tradition im Flugzeugbau“, sagt Krzysztof Zuzak, CEO von MTU Aero Engines Polska. Deshalb habe die Stadt im Karpatenvorland unter den fast 20.000 Studenten der Polytechnischen Hochschule besonders viele Ingenieure für Luftfahrttechnik.

„60 Prozent unserer Ingenieure kommen vom Polytechnikum hier in Rzeszów“, berichtet Zuzak. Sogar einen speziellen Studiengang für Flugantriebe gebe es bereits. Hinzu komme, dass Rzeszów das polnische „Aviation-Valley“ ist: eine Sonderwirtschaftszone mit Schwerpunkt Luftfahrt. Über 80 Firmen mit klangvollen Namen haben hier Produktions- und Forschungsstätten. „Das ist eine gute Plattform zum Austausch“, lobt Zuzak. Die Sonderwirtschaftszone bringe zudem Steuervorteile und Förderung vom Staat.
MTU fertigt dort mit inzwischen 426 Mitarbeitern Turbinenschaufeln, montiert Triebwerksmodule und repariert sensible Rohrleitungen und Dichtungen der Flugzeugantriebe.

Die 95 Ingenieure in Rzeszów sind auch verantwortlich für die Forschung bei MTU und die Entwicklung von Software, Montage- und Testeinrichtungen sowie das eigenständige Design bestimmter Triebwerksteile. Geleitet wird diese Entwicklungsabteilung von Joachim Wulf - einem der wenigen Deutschen in der polnischen MTU-Dependance. Er mag seine neue Heimat: „Rzeszów ist eine sehr nette Studentenstadt, wie Tübingen.“

So wird das „Aviation-Valley“ zum Erfolgsmodell für Polens Sonderwirtschaftszonen. Insgesamt 14 Zonen gibt es in ganz Polen. Eigentlich sollte mit deren Steuerprivilegien, Hilfen beim Landkauf, der Grundstückserschließung und Infrastrukturanbindung 2020 Schluss sein. Doch Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak will das SEZ-Recht jetzt bis 2026 verlängern. Den Grund liefern die Unternehmensberater von KPMG: Sie rechnen durch die Verlängerung mit 40 Milliarden Zloty (fast zehn Milliarden Euro) zusätzlichen Investitionen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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