„Sonnenscheinpolitiker“ in Seoul treffen auf „Falken“ in Washington
Nordkorea befürchtet Angriff der USA

Ist Nordkorea nach dem Irak das nächste Ziel im Visier der US-Militärs? Das Regime in Pjöngjang, das seit Oktober ein gewagtes atomares Katz-und-Maus-Spiel mit dem Westen treibt, schürt diese Spekulationen ganz bewusst. Nordkoreas Propaganda hetzt: Die Amerikaner, die derzeit ein reguläres Manöver in Südkorea abhalten, würden eine Invasion vorbereiten.

DÜSSELDORF. Ganz anders als im Fall Irak betonen die USA gebetsmühlenartig, diesen Konflikt rein diplomatisch und multilateral lösen zu wollen. Die Bedrohung durch Nordkorea und dessen Massenvernichtungswaffen – chemische, biologische und vermutlich bald schon atomare – wird heruntergespielt. Nur als letztes Mittel hält sich Präsident Bush militärische Optionen offen – zumindest verbal.

Doch wie eng der Nordkorea- Konflikt mit der Irak-Frage verbunden ist, lässt sich schon an folgenden Begebenheiten ablesen: Zum einen soll Pjöngjang Saddam Hussein Asyl angeboten haben, um den Irak-Krieg in letzter Minute abzuwenden, berichtet die „South China Morning Post“.

Zum anderen gehörte Südkorea zu den wenigen Ländern, die von den USA vorab über den Irak-Angriff überhaupt unterrichtet wurden. Drei Stunden im Voraus erhielt Präsident Roh Moo-Hyun einen Anruf von US-Vizepräsident Dick Cheney. Im Golfkrieg 1991 war Seoul erst im Nachhinein über die Botschaft informiert worden.

Dabei ist das Verhältnis zwischen den „Sonnenscheinpolitikern“ in Seoul und den „Falken“ in Washington stark zerrüttet. Die Massendemonstrationen gegen die 37 000 US-Soldaten in Südkorea sowie die unverhohlene Drohung der USA, ihre Schutztruppen von dort abzuziehen, sind noch frisch in Erinnerung.

Irak-Krieg schweißt beide Länder zusammen

Im Angesicht des Krieges jedoch rücken beide Länder, deren Allianz sich im Oktober zum 50. Mal nach dem Korea-Krieg jährt, demonstrativ zusammen. Vor allem der neue Präsident Roh hat radikal umdenken müssen. Der Idealismus, mit dem der Menschenrechtsanwalt im Dezember zur Wahl angetreten war, ist in den wenigen Wochen seiner Amtszeit nüchternem Pragmatismus gewichen.

Wie das Nachbarland Japan, das sich ebenfalls im Visier nordkoreanischer Atomraketen sieht, unterstützt Südkorea nolens volens den US-Angriff auf den Irak – trotz der ablehnenden Haltung in der Bevölkerung. Dabei hat es sich Roh nicht leicht gemacht. Letztlich aber haben die nationalen Sicherheitsinteressen und die wichtigen Beziehungen zu Amerika den Ausschlag gegeben. Denn die USA sind nicht nur Schutzmacht, sondern auch Südkoreas größter Exportmarkt und Investor. Auf Dinners versucht Roh händeringend, amerikanische Geschäftsleute zu beruhigen.

Im Inland jedoch sieht sich Roh scharfer Kritik von Kriegsgegnern und Gewerkschaften ausgesetzt, die die Basis seiner Wählerschaft darstellten. „Wir werden diplomatisch alles versuchen, damit der Irak-Krieg nicht die innerkoreanischen Beziehungen belastet“, beteuert der Präsident.

Angesichts der wachsenden Proteste war die Parlamentsabstimmung über die Entsendung koreanischer Soldaten an den Golf auf heute vertagt worden. Der Nationale Sicherheitsrat unter Roh hatte vereinbart, 5 bis 10 Mill. $ für humanitäre Hilfe sowie rund 600 Bausoldaten und 150 Sanitäter zur Verfügung zu stellen.

Nordkorea gerät immer tiefer in eine Isolation

Seouls Rückendeckung für den Irak-Krieg verstärkt die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel spürbar. Am Mittwoch brach Pjöngjang den einzigen regulären Kontakt mit dem US-geführten Uno-Kommando an der entmilitarisierten Grenze ab. Nordkorea begibt sich damit immer tiefer in eine gefährliche Isolation.

Gleichzeitig nutzt das Regime die Dauer des Irak-Krieges gezielt aus. Solange die Amerikaner ihre Kräfte am Golf konzentrieren, dürfte Nordkorea mit Hochdruck an der Umrüstung atomarer Brennstäbe in Sprengköpfe arbeiten. Beobachter rechnen ferner damit, dass Nordkorea demnächst seine Mittelstreckenraketen testet – wie schon 1998 über Japan. Denn Pjöngjang fühlt sich durch den geplanten Start zweier japanischer Aufklärungssatelliten am heutigen Freitag provoziert. Das Regime sieht sich nicht mehr an sein Test-Moratorium gebunden, das es noch im September Japan gegenüber verlängert hatte.

Pjöngjang weiß: Trotz seiner dreisten Provokationen, die Saddam schon fast als Waisenknabe aussehen lassen, können sich die USA keinen Zwei-Fronten-Krieg leisten. Selbst nach einer Niederwerfung des Iraks gilt als unrealistisch, dass die USA direkt militärisch gegen Pjöngjang vorgehen. Zumal mit Nachbar China de facto immer noch ein Beistandspakt besteht. Ganz davon abgesehen, dass Nordkorea keine Ölschätze besitzt.

Doch die Nervosität in Pjöngjang ist groß. Diktator Kim Jong Il ist seit über 40 Tagen nicht mehr öffentlich aufgetreten, was Experten als Vorstufe zum Kriegsalarm deuten.

Trotz aller Probleme im Irak kann Washington vor der potenziellen Atommacht Nordkorea nicht weiter die Augen verschließen. Bislang lehnt Bush jedweden bilateralen Dialog – wie von Pjöngjang und längst auch von der aufgebrachten US-Opposition gefordert – ab. Verweigert Bush weiter hartnäckig den Dialog, ist eine militärische Eskalation nicht auszuschließen. Das hochgerüstete Nordkorea ist ein Pulverfass. Der kleinste Funke könnte die gesamte Region und damit auch die Weltwirtschaft destabilisieren.

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