Sowjetunion im Zerfall
Gorbatschows letzter Rettungsversuch

Heute vor 25 Jahren versuchte Michail Gorbatschow zu retten, was kaum mehr zu retten war: die Einheit der Sowjetunion. Doch sein Besuch in der austrittswilligen Republik Litauen bewirkte eher das Gegenteil.
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BridaiFür die Bewohner von Bridai ist der Tag unvergessen. Mit großem Gefolge besuchte der damalige Sowjetpräsident Michail Gorbatschow bei einer Visite in der austrittswilligen Sowjetrepublik Litauen am 12. Januar 1990 das Dorf mit Kolchose nahe der Industriestadt Siauliai. „Es gehört zur Geschichte unseres Dorfes, ob wir wollen oder nicht“, meint Ortsvorsteherin Rasa Siskuviene. Gorbatschow versuchte zu retten, was kaum mehr zu retten war: die Einheit der Sowjetunion. Doch der Besuch war eher ein weiterer Schritt zum Zerfall des Riesenreichs, der vor 25 Jahren am 25. Dezember 1991 mit Gorbatschows Rücktritt besiegelt wurde.

Zu Sowjetzeiten war der landwirtschaftliche Großbetrieb in Bridai der erfolgreichste in ganz Litauen. Das Dorf galt als sowjetische Perle im heutigen EU- und Nato-Land. Doch selbst in dem Vorzeigeobjekt wurde der sowjetische Staats- und Parteichef von Demonstranten mit Plakaten mit Forderungen nach Unabhängigkeit und Freiheit begrüßt.

Schon den Auftakt des dreitägigen Besuchs des Kremlchefs in Litauen nutzten die Menschen dazu, der Moskauer Führung und der Weltöffentlichkeit ihren Willen zur Selbstständigkeit zu zeigen. Zehntausende versammelten sich in Vilnius zu einer friedlichen Kundgebung.

Aufgerufen dazu hatte die litauische Freiheitsbewegung Sajudis. Sie nutzte die politischen Freiräume, die sich aus Gorbatschows Reformen von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) ergaben. Offen forderte sie die Wiederherstellung der Unabhängigkeit, die Litauen 1940 im Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion verloren hatte. Das stellte den gesamten Staatenverbund der UdSSR in Frage.

Selbst aus den eigenen Reihen blies Gorbatschow Wind ins Gesicht. Kurz vor Weihnachten 1989 hatten sich die litauischen Kommunisten unter Leitung von Algirdas Brazauskas von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) getrennt. In einem beispiellosen Schritt erklärten sie sich zur selbstständigen Kommunistischen Partei Litauens. Nur eine Minderheit bekannte sich weiter zu Moskau.

Mit seinem ersten und letzten offiziellen Besuch in Litauen wollte Gorbatschow durch persönliche Überredungskunst die Abtrünnigen bekehren. Zugleich sollte er nach dem Willen des Zentralkomitees die separatistischen Bestrebungen im Vielvölkerstaat dämpfen.

Wie bei Besuchen in den Sowjetrepubliken üblich, wurden dem Kremlchef die Schokoladenseiten des Landes präsentiert. Gorbatschow und sein Tross reisten in das rund 200 Kilometer nordwestlich von Vilnius gelegene Siauliai, wo er eine Fernsehfabrik und die Kolchose in Bridai besichtigte.

Die Stippvisite war erst am Vorabend angekündigt worden. „Wir waren etwas nervös angesichts des hohen Gastes“, erinnert sich der damalige Kolchos-Vorsitzende Aloyzas Jocas. Bewacht von Sicherheitskräften gab sich Gorbatschow in der Provinz volksnah. „Gorbatschow war daran interessiert zu erfahren, wie die Arbeiter leben, und wollte mit ihnen reden“, schildert Jocas.

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