Soziale Ungleichheit: Was China und die USA gemeinsam haben

Soziale Ungleichheit
Was China und die USA gemeinsam haben

Die sozialen Spannungen wachsen dramatisch in China. Sie stehen im Mittelpunkt der Tagung des Volkskongresses. Dabei wird eines übersehen: In den USA sind die Probleme inzwischen mindestens genauso groß. Eine Analyse.
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Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich ist ein brisantes Thema in China, besonders in diesen Tagen. Das verfügbare Nettoeinkommen ist in den Küstenstädten drei Mal so hoch, wie auf dem Land tief im Westen.  Und selbst innerhalb der modernen Megastädte wird der Unterschied zwischen Arm und Reich immer größer. Auch wenn wieder nur wenige Demonstranten am vergangenen Sonntag dem Aufruf zu einer „Jasmine Revolution“ folgten, sondern vor allem ausländische Journalisten und die Polizei aufeinander prallten, die zahllosen kleinen Proteste gegen zu hohe Wohnungspreise oder die steigende Inflation sind ein Spiegel der wachsenden Ungleichheit bei hohem Wirtschaftswachstum.

Allerdings ist die Ungleichheit dann doch nicht so groß, wie sie sich aus der Ferne anfühlt. Jedenfalls nicht größer als in den USA, wo vergangenen  Samstag bei Schneetreiben 70.000 Menschen in Madisson, Wisconsin gegen soziale Ungerechtigkeit demonstrierten und dabei das State Capitol besetzten  China und die USA liegen in der sozialen Ungleichheit inzwischen gleich auf und zwar im unteren Mittelfeld der Weltrangliste umgeben von den Philippinen, Costa Rica oder Guinea-Bissau.

Grundlage dieser Rangliste ist der Gini-Index, benannt nach dem italienischen Statistiker Carrado Gini. Der Index stellt die Ungleichverteilung in Gesellschaften dar und wird häufig zur Berechnung von Kreditrisiken benutzt. Für den CIA ist er die Basis seiner Ländereinschätzungen.  Deutschland liegt nach dem Gini-Index immerhin noch am unteren Ende der Top 20 Spitzengruppe der sozial ausgeglichenen Länder.  Zwischen 1980 und 2005 wuchs die Ungleichheit in China mit rund zehn Prozent noch doppelt so schnell wie in den USA. Seitdem gleicht sich die Geschwindigkeit an, allerdings mit einem großen Unterschied: In China werden viele Menschen schnell reich, während viele Arme langsamer vom Aufstieg des Landes profitieren. In den USA dagegen versinken ganze Landstriche in Armut. Selbst jeder zweite weiße Amerikaner glaubt inzwischen: „Die besten Zeiten sind vorbei.“

Dass der Gini Index weit weniger bekannt ist als die viel populäreren Werte des Pro-Kopf-Einkommens und des Bruttoinlandsproduktes, ist klar. Die westlichen Politiker bevorzugen natürlich die Werte, die sie besser da stehen lassen, weil sie weniger Aufschluss über die soziale Ungleichheit geben. Oder liegt es eher daran, dass bisher BIP und Pro-Kopf-Einkommen stärker mit sozialer Gerechtigkeit einhergingen? Dann wäre es nun Zeit, dem Gini-Index einen größeren Stellenwert einzuräumen. Denn die statistischen Erhebungen decken sich mit Eindrücken aus erster Hand. Nicht nur in China, sondern auch in den USA.

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  • Ich muss Hrn. Sieren in dieser Hinsicht sehr recht geben. Ich habe mich ein halbes Jahr 2010 in den USA und das 2. Halbjahr in China aufgehalten.
    In den USA ist die Stimmung zwar mehr oder minder noch in Ordnung, aber die Bevölkerung steht immer weniger auf der Seite der Regierung und die Schere wird wirklich immer größer. Die Unzufriedenheit mit der Regierung ist teiweise mit der Finanzkrise, teilweise den Kriegen und die Angst vor der Zukunft zu erklären.
    In China hingegen ist man wirklich sehr von der Arbeit der Regierung erfreut. Klar gibt es in den armen Provinzen riesige Probleme, aber diese Leute haben und werden nicht die Mittel haben sich zu formieren und irgendwas bewirken können.
    Deswegen werden sie wie der große Teil von China eine weitere Landflucht betreiben und in die Städte ziehen und der Westen Chinas wird noch weiter verarmen.
    So wie ich aber den großen Teil der Chinesen kennengelernt habe, ist dieses Land nicht in der Lage Demokratie zu besitzen. Sie wüssten nicht wie das funktionieren soll. Gründe hierfür sind die Kultur und das Bildungswesen, das auf Auswendiglernen aufbaut und nicht auf selbst denken .
    Mal sehen wie sich das noch in den Ländern entwickeln wird.

  • Jetzt kann jedenfalls niemand mehr behaupten,dass wir nicht gewarnt worden wären !

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