Sozialforscher zur Gewalt in England
„Das Gefühl verraten worden zu sein“

England erholt sich von einer Explosion der Gewalt, Premier Cameron will Härte zeigen. Warum Drohgebärden nicht helfen und Unruhen in deutschen Städten unwahrscheinlich sind, erklärt Sozialforscher Ferdinand Sutterlüty.
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Herr Sutterlüty, die gewalttätigen Krawalle in englischen Städten schocken die Weltöffentlichkeit. Doch es gibt Parallelen zu anderen Vorfällen dieser Art.

Ja, denken Sie etwa an die sogenannten ghetto riots, die sozialen Unruhen aus dem Jahr 1992, als in Los Angeles ein ganzer Stadtteil in Plünderung und Gewalt versank. Im November 2005 gab es in verschiedenen französischen Städten mehrere Nächte währende Ausschreitungen von Jugendlichen aus den banlieues, den oft tristen Vorstädten mit einem hohen Anteil marginalisierter Bevölkerungsgruppen. Bei diesen beiden besonders spektakulären Gewaltausbrüchen gab es einen Auslöser, der die britischen Vorfälle der letzten Tage wie eine Duplizität der Ereignisse erscheinen lässt. In allen drei Fällen begannen die Unruhen, nachdem Mitglieder von Minderheiten – immer afrikanischer Herkunft – von weißen Polizisten misshandelt oder im Zusammenhang mit Polizeieinsätzen zu Tode kamen. Das erklärt allerdings nur den Anlass, nicht jedoch die tieferen Ursachen dieser kollektiven Gewaltausbrüche; aber auch in dieser Hinsicht lassen sich Parallelen feststellen.

Welche meinen Sie?

Die Übergriffe oder fatalen Einsätze der Polizei wurden in benachteiligten Stadtgebieten jeweils als ein Symptom dafür gewertet, wie die Gesellschaft ethnische Minderheiten und sozial schwache Bevölkerungsgruppen behandelt. Das weist auf die tieferen sozialen Ursachen solcher Vorfälle hin. In Großbritannien spielen dabei gewiss die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die starke Segregation, also die starke Konzentration der ärmeren Bevölkerungsteile in bestimmten Stadtvierteln eine große Rolle.

Gibt es einen speziellen Randalierer-Typ?

Die Täter sind enttäuschte, perspektivlose Jugendliche, die auf unübersehbare, letztlich aber hilflose und recht unpolitische Weise ihren Protest zum Ausdruck bringen. Auf der anderen Seite rufen chaotische Zustände, in denen die Ordnungskräfte die Kontrolle über die Lage verlieren, meist auch bloße Krawallmacher, Trittbrettfahrer und Plünderer auf den Plan, weil sie hoffen können, straffrei davonzukommen. Um eine definitive Antwort auf die Frage nach den Randalierern in England zu geben, scheint es mir aber noch zu früh zu sein. Ein typisches Merkmal größerer und länger anhaltender Gewaltwellen ist es jedenfalls, dass nicht nur Schläger und Gewohnheitskriminelle, sondern auch Personengruppen zur Gewalt schreiten, die es unter anderen Umständen nicht tun würden.

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Keine Anzeichen für Gewalt in Deutschland

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  • Zustände wie in England sind hierzulande noch nicht an der Tagesordnung, weil hier höhere Schutzgeldzahlungen (Sozialtransfers) die Erpresser noch still halten. Mit den Ausschreitungen in England geben die sogenannten (hüstel) "Jugendlichen", wie bei Schutzgelderpressung üblich, zum Ausdruck, dass weitere und höhere Schutzgelder schon fällig sind, da man sonst die Sicherheit nicht mehr gewährleisten kann.

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